Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Alt und Jung"

Ausgabe vom 28. September 2013

Wien (OTS) - Im Wahlverhalten machte sich zuletzt eine immer größere Generationenkluft bemerkbar, die aber relativ wenig thematisiert wurde. Die Kluft wird auch am Sonntag sehr deutlich zu sehen sein, denn die Lebenswelten von Alt und Jung fallen auseinander wie noch nie zuvor. Die Masse der "Baby-Boomer" ist im oder nähert sich dem Pensionsalter, und ihre schiere Zahl sorgt dafür, dass sie weiterhin Wahlen entscheiden. In den 70er Jahren sorgte die damals junge Generation für den Aufbruch in Österreich und hievte Bruno Kreisky ins Bundeskanzleramt. Nun sorgt sie dafür, dass die meisten Parteien versichern, die Pensionen seien ohnehin gesichert - für die Jüngeren muss das wie Hohn klingen.

Die heute unter 30-Jährigen können es bei Wahlen aber bloß nur hinnehmen, sie sind zu wenig, um ihrer Generation mehr vom Vermögen sichern zu können. 350.000 Erstwähler gibt es am Sonntag, weniger als fünf Prozent aller Wahlberechtigten. Dazu gesellt sich ein deutlich härterer Arbeitsmarkt, viele Jugendliche haben das Gefühl, keine eigene Familie gründen und erhalten zu können. Derartige Existenzängste kannte die Generation 50+ in ihrer Jugend nicht.

Nun sitzen die Babyboomer an den politischen und wirtschaftlichen Schalthebeln und tun für die nachfolgenden Generationen eigentlich erschreckend wenig. Die Bildungsdebatte zeigt, wie mutlos die Politik geworden ist. Es wird über ein Lehrerdienstrecht diskutiert. Hohe Zustimmung erhielt im September bei einem "Jugend-Parlament" aber die Forderung nach einem fächerübergreifenden Unterricht. Sie sind der Politik meilenweit voraus.

Jugendliche mit einem niedrigeren Bildungsabschluss wieder orientierten sich überdurchschnittlich an Strache. Er mildert ihre Arbeitsplatzängste, weil er den Stopp von Zuwanderung verlangt. Da die etablierte Politik (und mit ihnen viele Medien und Interessensvertreter) die Hoffnungen und Ängste der Jungen kaum aufgreift (und wenn, in einer unverständlichen Sprache), erreicht sie diese nicht.

Die kommende Regierung sollte also einen Schwerpunkt für die Jugend setzen. Das wird sie bei vielen unbeliebt machen, weil sie den Älteren etwas abverlangen wird müssen, auch finanziell. Doch demokratiepolitisch wäre das dringend notwendig. Die repräsentative Demokratie genießt bei vielen Jungen nur begrenztes Ansehen. Doch nur Demokratie ermöglicht Freiheit.

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