TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Mutti Merkel mag man eben", von Christian Jentsch

Ausgabe vom 23. September 2013

Innsbruck (OTS) - Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel feierte mit ihrer Union einen Wahltriumph. Die FDP als ihr bisheriger Partner in der Regierung erlebte ein Fiasko und flog aus dem Bundestag. Eine große Koalition dämmert am Horizont.

Mutti Merkel wird`s schon richten. Der Merkel-Effekt, auf den sich die CDU im Wahlkampf ganz und gar verlassen hatte, bescherte der Union einen triumphalen Wahlerfolg. Sogar die absolute Mehrheit im Bundestag ist zum Greifen nahe. Kanzlerin Merkel hat einerseits allen Grund zum Jubeln. Sie war von Beginn des Wahlkampfs an so gut wie unantastbar. Ihrem Herausforderer, SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, gelang es nie, aus ihrem Schatten zu treten. Ein Start-Ziel-Sieg sozusagen. Merkel wird also weiterhin die Wirtschaftsgroßmacht Deutschland als Kanzlerin regieren und im europäischen Konzert den Ton angeben. Doch der Jubel bei der Union ist nicht ungetrübt, denn Schwarz-Gelb ist Geschichte. Es wird zu keiner Neuauflage der Regierungskoalition mit der FDP kommen. Die Liberalen wurden von den Wählern in den Abgrund gestürzt, erstmals in ihrer Geschichte flogen sie aus dem Parlament. Seit 1949 saß die FDP ohne Unterbrechung im Bundestag in Berlin. Nun beginnt der Totentanz jener Partei, die vor vier Jahren mit knapp 15 Prozent noch ihr bislang bestes Ergebnis einfahren konnte.
Mit der FDP kann die Union nicht mehr. Man mochte sich zwar nicht unbedingt, aber man arrangierte sich. Nun muss sich die jubelnde Kanzlerin einen neuen Partner suchen. Und auch wenn die SPD-Spitze eine große Koalition mit der Union im Wahlkampf stets ausgeschlossen hatte, scheint sie doch die wahrscheinlichste Variante zu sein. SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück tönte im Wahlkampf, nicht Steigbügelhalter Merkels werden zu wollen. Muss er auch nicht. In einer möglichen Regierung von Union und SPD wird es für ihn keinen Platz geben. SPD-Chef Sigmar Gabriel könnte den Anspruch auf das Amt des Vizekanzlers stellen - auch wenn er nicht mit den besten Sympathiewerten aufwarten kann. Eines ist jedenfalls klar: Das angestrebte Ziel, mit einer rot-grünen Mehrheit Kanzlerin Merkel vom Thron zu stoßen, hat die SPD trotz leichten Zugewinnen ganz klar verfehlt. Nun muss man sich - vielleicht auch mit einem ganz neuen Führungsteam - neu orientieren. Das gilt übrigens auch für die Grünen, die eine herbe Niederlage einstecken mussten. Und sich wohl auch auf interne Grabenkämpfe einstellen müssen. Während die bürgerlichen Grünen im Süden - wie etwa Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann - mit der Union Koalitionsverhandlungen aufnehmen wollen, blockt der linke Flügel der Partei.
Und die siegreiche Union kann ihre möglichen Partner genüsslich ausspielen.

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