OÖNachrichten-Kommentar: "Ein Moment des Innehaltens", von Wolfgang Braun

Ausgabe vom 14. September 2013

Linz (OTS) - Gestern hatte Nationalratspräsidentin Barbara Prammer ursprünglich einen Auftritt in Linz in ihrem Terminkalender. Ein Treffen mit Betriebsrätinnen war geplant. Ein Tag wie so viele für einen Politiker im Wahlkampf.
Doch als das Büro von Prammer gegen zehn Uhr vormittags eine Eilt-Einladung zur Pressekonferenz über die Agenturen verbreiten ließ und für Mittag eine persönliche Erklärung ankündigte, ahnten viele, dass etwas geschehen sein musste, das die Wahlkampfroutine zwischen Umfragedaten, Haxlbeißereien, Angriffen, Untergriffen und Versprechungen sprengt.
Prammers Ankündigung, dass sie sich wegen einer schweren Krankheit vorläufig zurückziehen muss, hat nicht nur ihre Parteifreunde tief getroffen, sondern auch schlagartig vieles relativiert, was im großen Zirkus Politik täglich für wichtig und bedeutend gehalten wird.
Es ist ein Moment des Innehaltens, des Nachdenkens - für die Politiker, aber auch für uns Journalisten. Wo endet die Pflicht des Journalisten, Hintergründe über eine Persönlichkeit des öffentlichen Interesses in Erfahrung zu bringen, und wo beginnt unappetitlicher Voyeurismus? Gerade wenn es um Krankheit geht, ist dieser Grat besonders schmal. Der Respekt vor der Person sollte in diesen Fällen immer schwerer wiegen als der journalistische Instinkt, möglichst viel und umfassend zu berichten - so die Linie, die wir verfolgen. In der Spitzenpolitik ist Krankheit im Alltag quasi nicht existent, das Thema wird weggeschoben, es ist noch immer tabu. Einen Auftritt, einen Parteitag, eine Sitzung wegen Krankheit zu versäumen, das gestehen sich Minister, Klubchefs, Landeshauptleute nicht zu. Notfalls schleppt man sich von Termin zu Termin. Und ist die Erkrankung schwer, wird sie zumeist so lange verschwiegen, bis es absolut nicht mehr geht. Es ist das über Politikergenerationen antrainierte Verhalten in einem Biotop, in dem die meisten glauben, keine Schwäche zeigen zu dürfen.
Barbara Prammer hat ihre Krankheit rasch und offen bekannt gegeben. Den herzlichen Genesungswünschen aus allen Parteien kann man sich nur anschließen. Viele haben dabei ihre Zuversicht zum Ausdruck gebracht, dass Prammer bald wieder zurückkehren werde. Die Hoffnung ist berechtigt, weil diese kleine, zierliche Frau immer schon eine große Kämpferin war.

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