TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 12. September 2013, von Peter Nindler: "Spitalsärzte wandeln auf schmalem Grat"

Innsbruck (OTS) - Die Debatte um die Gehälter der Spitalsärzte ist notwendig, eine Anpassung der Einkommen soll schließlich die Abwanderung aus der Klinik verhindern. Doch auch am Landeskrankenhaus benötigt es Verteilungsgerechtigkeit.

Die öffentliche und politische Solidarität ist gegeben, höhere Gehälter für junge Spitalsärzte werden geradezu gefordert. Ein Einkommensvergleich der Landeskrankenanstaltengesellschaft Tilak mit anderen Bundesländern, der natürlich von den Landesärzten kritisch beäugt wird, untermauert den dringenden Handlungsbedarf. Das war nicht überraschend. Doch es gab auch eine zweite Botschaft, die zwar das Gehaltsproblem der 400 Jungärzte nicht relativiert, aber die (finanziellen) Rahmenbedingungen für die insgesamt rund 1000 Spitalsärzte des Landes doch in ein viel differenzierteres Licht rückt.
Das Einkommen der älteren Ärzte ist im Österreich-Vergleich gar nicht so schlecht, die Lebensverdienstsumme keineswegs unter-, sondern vielmehr überdurchschnittlich. Und das noch ohne die anteiligen Privathonorare, die die Klinikvorstände an ihre Ärzte abgeben müssen und am Landeskrankenhaus Innsbruck seit Jahren für Diskussionen sorgen.
Einmal mehr geht es jedoch um Verteilungsgerechtigkeit unter den Spitalsärzten sowie um wettbewerbsfähige Arbeitsbedingungen gegenüber vergleichbaren Spitälern und Kliniken. Es braucht deshalb erfahrene Ober- und Fachärzte als Ausbildner und motivierte Jungmediziner, die später einmal das Rückgrat der Innsbrucker Klinik bilden. Mit einer Finanzspritze von fünf Millionen Euro musste das Land jetzt zwangsläufig auf den in den Klinikgängen unüberhörbaren Gehaltsprotest reagieren, schließlich hatte die Gesundheitspolitik monatelang gezögert.
Was die Ärztevertreter und den Betriebsrat jedoch in den nächsten Wochen erwartet, ist eine schmale Gratwanderung zwischen angemessenen Einkommen und überzogenen Wünschen, die den großen öffentlichen Rückhalt rasch verschwindend klein machen können. Denn Gehaltsdebatten sind immer sensibel, auch und besonders bei den Ärzten. Die Tilak will die Gehaltskurve abflachen, indem sie die Einstiegsgehälter deutlich erhöht. Die Ärzte wollen das Gehaltsniveau generell anheben - abgestuft, aber doch merklich.
Dass immer mehr erfahrene Spitalsärzte abwandern und Lücken hinterlassen, kann die Tilak nicht mehr länger negieren, gleichzeitig muss sie auch heuer wieder mit einem Defizit von rund 50 Mio. Euro rechnen. Letztlich steht für beide Verhandlungspartner viel auf dem Spiel: für die Ärzte ihr Image und die Solidarität, für die Tilak Millionen, die sie eigentlich gar nicht hat.

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