Ludwig/Angerer/Troch: Gemeindebau-Benennung nach Rosa Jochmann

Gemeindebau in Simmeringer Hauptstraße 142-150 nach unermüdlicher Kämpferin gegen Faschismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus benannt

Wien (OTS) - Die Benennung von Wiener Gemeindebauten ist eine Anerkennung von herausragenden Persönlichkeiten, die sich Zeit ihres Lebens besonderer Verdienste um die Stadt Wien erworben haben. Mit der Benennung der städtischen Wohnhausanlage Simmeringer Hauptstraße 142-150 in "Rosa-Jochmann-Hof" ehrt die Stadt eine bis zu ihrem Tod im Jahre 1994 unermüdliche Kämpferin gegen Faschismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Selbst zwischen 1940 und 1945 im KZ Ravensbrück inhaftiert, hat sie nach ihrer Befreiung in zahllosen Vorträgen, Schul- und Kongressbesuchen im In- und Ausland ihre Erfahrungen als Zeitzeugin dargelegt.

Wohnbaustadtrat Michael Ludwig, Bezirksvorsteherin Renate Angerer, Gemeinderat Harald Troch, Hannes Schwantner, Wiener Landesvorsitzender der Sozialdemokratischen FreiheitskämpferInnen, sowie Hannelore Stoff, Mitglied der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück, und Freundinnen, nahmen gestern, Dienstag, die offizielle Benennung vor.***

"Rosa Jochmann zählt zu den verdienstvollsten Kämpferinnen gegen Faschismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Die Ehrenbürgerin der Stadt Wien hat sich als Zeitzeugin für vieles verdient gemacht. So war unter anderem Rosa Jochmanns Vermittlung ihrer furchtbaren Erlebnisse in den Konzentrationslagern des Nazi-Regimes an Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung für zahlreiche Menschen ein prägendes Erlebnis. Mit der Forderung ,Niemals vergessen' beschäftigte sie sich nicht nur mit der Vergangenheit, sondern warnte damit auch vor neonazistischen Aktivitäten. Diese Wohnhausanlage, die nun ihren Namen trägt, soll uns auch als Beispiel dienen, sich nicht von einer klaren und eindeutigen Haltung abbringen zu lassen, selbst bei starkem Gegenwind", bekräftigte Wohnbaustadtrat Michael Ludwig.

Bezirksvorsteherin Renate Angerer betonte: "Rosa Jochmann hat beinahe ihre gesamte Kindheit und Jugend in Simmering verbracht. Hier ist sie sozialisiert worden und hat auch ihre ersten Arbeitsstellen gehabt. Auch als es ihr noch möglich war, ist sie nicht emigriert, sondern hat sich für die schwächsten der Gesellschaft eingesetzt. Ihre Inhaftierung in Ravensbrück hat sie für ihr späteres Leben geprägt. Aufstehen, wenn Ungerechtigkeit herrscht und eine Position klar zu vertreten, war Teil ihres politischen und politisierten Lebens."

"Bis heute ist das Vermächtnis von Rosa Jochmann allgegenwärtig. Zivilcourage zu zeigen und gegen Unrecht aufzutreten: das hat sie bei allen ihren öffentlichen Auftritten und vor allem auch bei den Gesprächen mit jungen Menschen vermittelt. Ihrem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass vielen jungen Menschen die Gräuel des Nationalsozialismus anschaulich vermittelt wurden", sagte Gemeinderat Harald Troch.

"Rosa Jochmann hat bis zu ihrem Tod vor Rechtsextremismus gewarnt. Ihre Erzählungen und Berichte haben tausenden Menschen die Gefahren des Faschismus vermittelt. Gerade jungen Menschen die Gräuel näherzubringen und zu zeigen, dass dieses Kapitel der Geschichte niemals vergessen werden darf, war ein entscheidendes Anliegen von Rosa Jochmann. Nur gemeinsam mit der Jugend ist es möglich, gegen faschistische oder rechtsradikale Strömungen entschieden aufzutreten. Das hat Rosa Jochmann beherzigt und gelebt", hielt Hannes Schwantner fest.

Die Sekretärin der Lagergemeinschaft Ravensbrück und Freundinnen, dem Zusammenschluss ehemaliger Häftlinge des KZ Ravensbrück und Frauen aus den nachfolgenden Generationen, Hannelore Stoff, betonte:
"Rosa Jochmann hat bereits in ihrer Zeit in Ravensbrück den Mitgefangenen durch ihre Courage Mut gemacht. Es war für Sie immer klar, dass es notwendig ist, möglichst vielen Menschen davon zu berichten, um so etwas nie wieder geschehen zu lassen. Es liegt in unserer Verantwortung, der Jugend immer wieder von diesen Erfahrungen zu erzählen."

Biografie von Rosa Jochmann (1901 - 1994)

Rosa Jochmann kam am 19. Juli 1901 als viertes von sechs Kindern einer Wäscherin und eines Eisengießers im 20. Wiener Gemeindebezirk zur Welt. Schon bald übersiedelte die Familie nach Simmering, wo man leichter Arbeit fand. Sie besuchte die Volksschule und die Bürgerschule. Nach dem Tod der Mutter, musste sie die Verantwortung für die Familie übernehmen und arbeitete 1915 bis 1916 in einer Simmeringer Süßwarenfabrik. Ab 1916 arbeitete sie als kriegsdienstleistungsverpflichtete Arbeiterin in einer Kabelfabrik, danach in einer Kerzenfabrik. 1917 wurde sie Funktionärin im Chemiearbeiterverband. Ab 1920 war Rosa Jochmann Arbeiterin und Betriebsrätin in der Simmeringer Firma Auer, die Glasglühstrümpfe erzeugte. 1925 wurde sie Sekretärin der Gewerkschaft des chemischen Verbandes. Als Teil des ersten Lehrgangs absolvierte sie 1926 die Parteihochschule im Döblinger Schlössl und wurde 1932 Zentralsekretärin der Sozialistischen Frauen Österreichs. Nach dem Parteiverbot im Jahr 1934 vertrat sie den Parteivorstand im Führungskomitee der Revolutionären Sozialisten Österreichs. Im selben Jahr wurde sie bei einer Untergrundaktion verhaftet und zu einem Jahr Kerker und drei Monate Polizeistrafe verurteilt. Im Jahr 1938 verweigerte sie die Emigration und begann in einem jüdischen Textilgeschäft zu arbeiten.

Unmittelbar vor Kriegsbeginn, am 22. August 1939, wurde Rosa Jochmann neuerlich verhaftet und mit dem Vermerk "Rückkehr unerwünscht" ins KZ Ravenbrück deportiert. Nach der Befreiung durch sowjetische Truppen im Frühjahr 1945 blieb Rosa Jochmann mit vielen anderen zur Betreuung der Kranken zurück, bevor sie sich auf den Weg nach Wien machte.
Nach der Rückkehr nahm sie ihre politischen Tätigkeiten in der SPÖ wieder auf. Zwischen 1945 und 1967 war sie Abgeordnete zum Parlament, von 1956 bis 1967 auch Mitglied der Parteiexekutive der SPÖ und stellvertretende Vorsitzende. 1959 wurde sie SPÖ Frauenvorsitzende. 1967 legte sie alle politischen Ämter, mit Ausnahme der Funktion als Vorsitzende des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer, nieder.

Zeitlebens war Rosa Jochmann eine Warnerin vor Rechtsextremismus, Antisemitismus und Faschismus. In zahlreichen Vorträgen und bei Schul- und Kongressbesuchen berichtete sie als Zeitzeugin von den Gräueltaten der Nationalsozialisten. Mehr als 8.000 Briefe belegen ihren unermüdlichen Einsatz gegen den Rechtsextremismus. Ihr letzter öffentlicher Auftritt fand während des Lichtermeeres 1993 statt.

Im Jahr 1981 wurde Rosa Jochmann Ehrenbürgerin der Stadt Wien und im Jahr 2004 wurde sie in die Liste der 50 wichtigsten ÖsterreicherInnen der letzten 50 Jahre bei einer LeserInnenumfrage einer österreichischen Tageszeitung aufgenommen.

Rosa Jochmann verstarb am 28. Jänner 1994 in Wien. Sie ist in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt.

Bekannte Zitate von Rosa Jochmann

  • "Ins politische Leben bin ich gekommen, weil ich nie Unrecht ertragen konnte und kann und weil ich nie zusehen konnte, dass jemand Unrecht geschieht."
  • "Meine Erlebnisse im KZ haben mich gelehrt, meine Mitmenschen zu verstehen, auch wenn sie eine andere Weltanschauung haben. Wichtig ist allein der anständige Charakter."

Zur Wohnhausanlage

Die Wohnhausanlage in der Simmeringer Hauptstraße 142 -150 wurde in den Jahren 1931 bis 1932 erbaut und umfasst insgesamt 286 Wohnungen. Geplant wurde die Anlage von Josef Frank und Oskar Wlach.

Zwischen 2004 und 2006 wurde die Wohnhausanlage sockelsaniert, wobei das Dach neu gedeckt und Fenster und Türen erneuert wurden. Die Fassade wurde außerdem mit einem Wärmedämmverbundsystem versehen. (Schluss) ms

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