TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" 10. September 2013, von Markus Schramek: "Wohnen muss man sich erst leisten können"

Innsbruck (OTS) - Seit 2008 haben die Mietpreise in Österreich um 22,1 Prozent angezogen. Der finanzielle Druck auf die Haushalte wird immer größer. Doch die Verantwortungsträger schrecken davor zurück, in den Markt einzugreifen.

Immer, wenn Wahlkampf ist, hat das Thema Wohnen Hochkonjunktur. Kaum eine Partei vergisst, sich dem Kampf gegen steigende Lebenshaltungskosten zu verschreiben. Für Beobachter ist das ein Déjà-vu: Die politischen Zurufe sind bekannt. Was fehlt, sind Gegenrezepte, die auch umgesetzt werden.
Nun erhält der Kanon weiteren Zuwachs. Sieben von zehn Österreichern müssen einer Umfrage zufolge einen steigenden Teil ihres Haushaltsbudgets in die Bedeckung der Mietkosten stecken. Ein Viertel der Befragten erklärt sogar, dass in den letzten fünf Jahren bis zu 20 Prozent mehr an Miete fällig geworden sei.
Dieses Bauchgefühl trügt nicht. Denn nach den Zahlen der Statistik Austria sind die Mietpreise in Österreich seit 2008 tatsächlich um 22,1 Prozent gestiegen. Die Einkommen konnten da nicht mithalten. Nach Jahren der Lohnstagnation wurde erst im Vorjahr mit 2,9 Prozent wieder ein Lohnplus oberhalb der Inflationsrate registriert, der höchste Wert seit mehr als zehn Jahren. Die Wohnkosten sind den Lohnkosten längst enteilt.
In Tirol wird die Lage durch regionale Besonderheiten verschärft. Das Land im Gebirg mit seiner prächtigen Kulisse wird als attraktiv empfunden, sei es für Arbeits-, Studien- oder einfach Wohnzwecke. Die geografische Beschaffenheit des Landes lässt eine Besiedelung aber nur auf zwölf Prozent seiner Fläche zu. Große Nachfrage, geringes Angebot: Dieses Missverhältnis führt zu einem überteuerten Wohnungsmarkt, der Normalverdiener heillos überfordert. Wohnen in Tirol - das muss man sich erst leisten können. Und zwar mit Einkommen, die sich seit Jahren auf den letzten Plätzen im Vergleich der Bundesländer wiederfinden.
Die hiesige Politik hat schüchterne Versuche unternommen, in den Markt einzugreifen. Der Bodenfonds des Landes kauft Baugrund, um ihn relativ günstig weiterzuverkaufen. Und bei der Widmung von Flächen kann dem geförderten Wohnbau Vorrang eingeräumt werden. Im Einzelfall sind solche Maßnahmen hilfreich, eine Breitenwirkung entfalten sie nicht.
So gibt der Blick in die Zukunft wenig Anlass dafür, auf dem Wohnungsmarkt preisliche Entspannung zu erwarten. Überall im Land werden aktuell Grundreserven der Eltern verbaut und Häuser aufgestockt. Die Enkel-Generation wird es aber noch viel schwerer haben, ein leistbares Quartier zu finden.
Lange wird die Politik vor diesem Problem nicht mehr die Augen verschließen können.

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