DER STANDARD-KOMMENTAR "Die Demontage der Wiener Börse" von Andreas Schnauder

Abstieg des Aktienmarktes gefährdet Kapitalaufnahme und Sicherung der Zentralen - Ausgabe vom 10.9.2013

Wien (OTS) - Mit der Uniqa wagt wieder einmal ein Unternehmen einen größeren Schritt an der Wiener Börse. Derartige Ereignisse haben am Aktienmarkt Seltenheitswert, weshalb schon die Ankündigung der Kapitalerhöhung durch ein bereits gelistetes Unternehmen für große Freude sorgt. Das zeigt, wie tief die Latte am heimischen Finanzplatz liegt.
Derartige Zustände kann man in Zeiten des allgemeinen Finanzmarkt-Bashings natürlich mit Achselzucken zur Kenntnis nehmen. Angemessener wäre es, die Situation angesichts der hohen Bankenabhängigkeit der Unternehmen und der Verschärfungen bei der Kreditvergabe als gefährliche Entwicklung für den Standort zu sehen. Ein funktionierender Kapitalmarkt wäre nicht nur für die Expansion der Betriebe eine geeignete Geldquelle, eine Börsennotiz kann auch Probleme mit heiklen Eigentümerstrukturen - etwa im Falle uneiniger Gesellschafter - oder bei Betriebsübergaben lösen. Eine aufgepäppelte Wiener Börse wäre zudem bei weiteren Privatisierungen hilfreich, denn ohne ausreichende Aufnahmekapazitäten bleiben fast nur internationale Übernahmeinteressenten als potenzielle Aktionäre.
Trotz der großen Defizite am heimischen Kapitalmarkt findet das Thema erstaunlich wenig Resonanz im Wahlkampf. Das mag aus roter Sicht konsistent sein, wäre doch eine Attraktivierung des Börsenumfelds mit dem Thema Vermögenssteuer kaum vereinbar. Die stiefmütterliche Behandlung der Börse durch die ÖVP, die vor geraumer Zeit noch als Wirtschaftspartei galt, hängt wohl damit zusammen, dass sich die latent missliche Lage des Kapitalmarktes in Perioden schwarzer Führung des zuständigen Finanzressorts dramatisch verschlechtert hat. Gerade die in dieser Legislaturperiode eingeführte Wertpapiersteuer hat die dünngesäten Privatanleger weggespült. Der 25-prozentige Abzug auf realisierte Kursgewinne mag aus Gründen der Verteilungsgerechtigkeit goldrichtig sein, der Börse hat er den Todesstoß versetzt. Die Umsätze mit Wiener Aktien haben sich seit dem Start der Steuer fast halbiert - und das ausgehend von einem im internationalen Vergleich äußerst niedrigen Niveau. Schon zuvor griffen die Österreicher lieber zu Sparbuch und Bausparer als zur Aktie, was nicht nur an dürftiger Kapitalmarktkultur, sondern auch an Abzocke- und Kriminalfällen liegt, bei denen sich Kleinanleger als leichte Beute erwiesen. Wer vertraut nach den Enthüllungen zu Immofinanz, Meinl European Land oder Telekom noch darauf, dass sein Geld gut investiert ist? Bei dem Bestand an Altlasten hat die an sich gerechte Wertpapiersteuer gereicht, um der Börse den Rest zu geben. Schon in die Kategorie putzig fallen in diesem Lichte die jüngsten Forderungen der Volkspartei nach einer Abschaffung der Gesellschaftssteuer, die die Eigenkapitalbildung behindert. Die Proponenten von Plänen, deren Umsetzung in den letzten Jahren im schwarzen Finanz- und Wirtschaftsministerium kein Thema war, sind an Glaubwürdigkeit kaum zu unterbieten. Man könnte meinen, da plagt jemanden nach der Ausdünnung der Börse das schlechte Gewissen, weshalb noch rasch eine Vitaminspritze aus dem Ärmel geschüttelt wird.
Besserung ist nicht in Sicht: Mit Vermögen- und Finanztransaktionssteuer stehen die nächsten Prestigeprojekte vor der Tür, die allesamt ihre Berechtigung haben, aber letztlich die Aufnahme von Eigenkapital nahezu verunmöglichen.

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