TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Unspektakulär und Tokio", von Peter Nindler

Ausgabe vom 9. September 2013

Innsbruck (OTS) - Das Internationale Olympische Komitee hat mit Tokio eine unspektakuläre Wahl für die Sommerspiele 2020 getroffen. Aber es war nur die Ouvertüre für die viel spannendere Nominierung des neuen Olympiapräsidenten.

Entscheidungen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) über die Wahl von Austragunsstätten für Olympische Spiele sind oft nur schwer nachvollziehbar. Da befindet sich das IOC jedoch in guter Gesellschaft mit dem Weltfußballverband FIFA. Der Sport und der olympische Gedanke stehen bei der Nominierung durch die schon meist ergrauten und den Annehmlichkeiten sowie Verlockungen ihres Mandats nicht abholden Funktionären des IOC und der FIFA nicht immer im Vordergrund. Es geht um Geld, Einfluss und politische Machtsphären. Dass die ungeeignete Schwarzmeerstadt Sotschi 2014 Winterspiele veranstalten darf, fällt eindeutig in diese Kategorie.
Der Belgier Jacques Rogge, der am Dienstag seinem Nachfolger an der Spitze des mächtigsten Sportklubs der Welt Platz machen wird, hat Olympia in den vergangenen Jahren zwar von der Gier und der schleichenden Korruption unter seinem Vorgänger, dem Spanier Juan Antonio Samaranch, befreit, doch das System bewahrt, wie es die Frankfurter Allgemeine Zeitung unlängst treffend analysiert hat. Und das System wählte auch für 2020 eine passende Olympiastadt - nämlich zum zweiten Mal nach 1964 die japanische Hauptstadt Tokio.
Mit Tokio kann das IOC nichts falsch machen, zumal Asien ein zentraler Faktor in der olympischen Familie geworden ist. Unter den Mitbewerbern Istanbul und Madrid hat sich Tokio trotz Fukushima, das nur 250 Kilometer von der japanischen Metropole entfernt ist, als risikoärmste Wahl hervorgetan. Tokio ist unspektakulär, Olympische Spiele in der Türkei wären sicher ein Meilenstein und eine Herausforderung gewesen. Doch die politischen Spannungen am Bosporus und die wirtschaftlichen Probleme in Spanien kürten letztlich wohl Tokio zum Olympiasieger. Der atomare Super-GAU von Fukushima kann trotzdem nicht aus dem Gedächtnis gestrichen werden und auch nicht das Versagen beim Krisenmanagement. 2013 überstrahlt Fukushima bei weitem Olympia.
Wer Rogges Erbe antritt, ist bei dieser olympischen Session aber viel spannender, als es die Olympiavergabe war. Der Deutsche Thomas Bach geht als Favorit ins Rennen und wäre wohl der geeigneste Kandidat. Bleibt er auf der Strecke, hat erneut das System gewonnen. Wird Bach neuer IOC-Präsident, dürfte er schon im Vorfeld den Eid des Bewahrens gegenüber den IOC-Mitgliedern geschworen haben.

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