Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 31. August 2013; Leitartikel von Wolfgang Sablatnig: "Comedians im Wahlstudio"

Innsbruck (OTS) - Utl: Die erste Runde der Kandidatenduelle im ORF wurde dem Anspruch der Orientierungshilfe für die Wahl nicht gerecht. Und was Frank Stronach über seine Persönlichkeit preisgab, spricht nicht für ihn.

Jeder gegen jeden. Das steht uns allen bevor", leitete Moderatorin Ingrid Thurnher gestern die erste Runde der Wahlkonfrontationen im ORF ein. Manch ein Zuseher mag dabei schon genervt die Stirn gerunzelt haben, ergeben sich bei sechs Parlamentsparteien doch rein rechnerisch 15 Paarungen - so viele, dass mit Ausnahme des abschließenden Kanzlerduells zwischen Werner Faymann und Michael Spindelegger jeweils gleich zwei Diskussionen an einem Abend geführt werden.
Die ersten zwei Runden haben sich dann aber zumindest als zeitweise unterhaltsam erwiesen. Das mag daran gelegen haben, dass die denkbar gegensätzlichsten Paarungen antreten mussten. Eva Glawischnig und Heinz-Christian Strache sind einander ohnehin in tiefster Abneigung verbunden. Überraschend war nur der aggressive Einstieg Glawischnigs. Kein Taferl, nein, ein ganzes Fotobuch kam da auf den Tisch, um Strache die Nähe zu verurteilten oder angeklagten Politikern vorzuhalten.
Nicht geringer ist die Abneigung zwischen Bucher und Stronach, hat Letzterer dem Ersteren doch die halbe Partei abgekauft. Diese Erfahrung härtet offenbar ab. Statt sich gegen Untergriffe zu wehren, litt Bucher meist stumm vor sich hin. Vermutlich hätte es auch nichts gebracht, Stronach zu unterbrechen. Der fährt nur auf der Schiene des großen Unverstandenen: Niemand in der Geschichte habe Österreich so gedient wie er - die unterwürfige Funktionärsgesellschaft im Land wolle das aber nicht sehen. Dass es nicht mehr erfrischend ist, wie er dabei die Konventionen bricht, sondern mehr lästig und beleidigend, übersieht Stronach dabei.
Wer sich Antworten oder Konzepte erhofft hat, blieb aber ratlos zurück. Hier müssen die Kandidaten vor den noch ausständigen 13 Duellen nachschärfen. Und Thurnher muss ihr Konzept kritisch hinterfragen. Denn Show können echte Schauspieler und Comedians besser.
Mehr Beachtung für die Inhalte könnte auch eine Orientierung am Beispiel Deutschland bringen. Angela Merkel und Peer Steinbrück müssen dort nicht in jedem Sender einzeln zum Kanzlerduell antreten. Nein, öffentlich-rechtliche und private Sender schicken vielmehr ihre besten Interviewer, um den Spitzenkandidaten gemeinsam auf den Zahn zu fühlen. Die Konkurrenz kann sich dann zwischen den Politikern statt zwischen den Sendern abspielen. Und nur darum sollte es doch im Wahlkampf gehen.

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