TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 29. August 2013, von Christian Jentsch: "Kein Erwachen aus Syriens Albtraum "

Innsbruck (OTS) - Mit einem Angriff auf Stellungen von Assads Regierungstruppen wollen die USA und Großbritannien in einen Bürgerkrieg eingreifen, der dem Westen bereits entglitten ist. Das Feuer im Brandherd Syrien wird damit nicht gelöscht.

Syrien gleicht heute einem riesigen Friedhof, auf dem weit über 100.000 Tote von einer schrecklichen Tragödie zeugen und auf dem alle Hoffnungen begraben liegen. Die Städte und Dörfer liegen in Trümmern, Millionen Syrer sind auf der Flucht, die Kinder wurden jeder Zukunft beraubt und blinder Hass hat die Mauern zwischen Sunniten, Alawiten, Christen und Kurden in den Himmel wachsen lassen. Syrien wurde zur Hölle auf Erden und die Weltgemeinschaft übte sich im Wegducken. In den Planspielen der großen Weltpolitik blieb das Klagelied der verzweifelten syrischen Bevölkerung ungehört. Vielmehr wurde das Bürgerkriegsland zum Aufmarschgebiet verfeindeter Regionalmächte wie dem Iran und Saudi-Arabien und zum Spielball der Großmächte.
Mit dem mutmaßlichen Giftgasangriff vom Mittwoch vergangener Woche soll Assad, der im Krieg gegen die Rebellen zuletzt wieder klar die Oberhand gewinnen konnte, nun aber endgültig die von US-Präsident Barack Obama gezogene rote Linie überschritten haben. Auch ohne ein Mandat der UNO müsse nun aus völkerrechtlichen Gründen dem Treiben Assads Einhalt geboten werden, heißt es in Washington und London. Plötzlich scheint das Abschlachten der Zivilbevölkerung eine Reaktion auszulösen, auch wenn die Täter bisher noch nicht überführt werden konnten. Das Argument, man könne dem syrischen Regime von Präsident Assad nicht jedes Kriegsgräuel durchgehen lassen, hat seine Berechtigung. Für die Rechtfertigung einer militärischen Antwort bedarf es freilich stichhaltiger Beweise.
Zudem stellt sich die Frage, ob ein militärisches Eingreifen in den Konflikt das Pulverfass Naher Osten nicht endgültig zum Explodieren bringen könnte. Der Bürgerkrieg in Syrien hat ja längst die Grenzen des Landes gesprengt. Er mutierte zum Stellvertreter- und Religionskrieg, der die ganze Region in Atem hält.
Der geplante Militärschlag gegen Syrien soll in seinem Ausmaß freilich begrenzt bleiben und nicht zum Sturz von Präsident Assad und seinem Regime führen. Schließlich misstraut der Westen ja auch den Rebellen, in deren Reihen immer mehr islamistische Rebellen zum heiligen Krieg aufrufen. Das Risiko für einen Militäreinsatz ist hoch. Und wenn nach der Machtdemonstration der USA und Großbritanniens das Abschlachten in Syrien unvermindert weitergeht, wurde nichts gewonnen, aber viel verloren. Syrien wird aus dem Albtraum nicht erwachen.

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