Ärztekammer: Viele Allgemeinmediziner ausgebildet, wenige in der Praxis

Jüngste Wirtschaftskammer-Daten missverständlich

Wien (OTS) - Manche der von der Österreichischen Wirtschaftskammer (WKO) am 13. August präsentierten Ärztezahlen bedürfen einer genaueren Betrachtung, wie die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) am Freitag in einer Aussendung festhielt. Es könne sonst der Eindruck entstehen, dass hierzulande ein Überangebot an niedergelassenen Ärzten für Allgemeinmedizin herrsche. Das sei keineswegs der Fall, erklärte ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger. Eine korrekte Interpretation der Zahlen belege vielmehr das Dilemma der allgemeinmedizinischen Ausbildung und Versorgung in Österreich: Nur die wenigsten Jungmediziner lassen sich nach einer Allgemeinmediziner-Ausbildung als praktische Ärzte nieder, der Großteil geht direkt in die Facharztausbildung. "Eine der größten Ineffizienzen unseres Systems besteht darin, dass man in den letzten Jahrzehnten Jungärzte in eine Ausbildung zum Allgemeinmediziner drängte, obwohl nur ein geringer Teil davon sich tatsächlich in einer Allgemeinpraxis niederlassen wollte. Zur Überbrückung der Wartezeiten zur angestrebten Facharztausbildung waren und sind die so beschäftigten Mediziner willkommene und billige Systemerhalter der Krankenhäuser. Gleichzeitig stiehlt man all jenen, die definitiv als Facharzt tätig werden wollen, wertvolle Jahre", kritisierte Wechselberger.

OECD: Nicht einmal ein niedergelassener Allgemeinmediziner pro 1000 Österreicher

Laut WKO kommen 1,6 Allgemeinmediziner auf 1000 Österreicher. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weist hingegen weniger als die Hälfte (0,78) aus. Laut ÖÄK ergibt sich die WKO-Zahl aus der Gesamtheit der rund 13.400 statistisch als Allgemeinmediziner ausgebildet geltenden Personen. Von diesen führt allerdings weniger als die Hälfte (rund 6500) tatsächlich eine allgemeinmedizinische Praxis und ist damit als versorgungsrelevant zu betrachten. Als Kassenarzt arbeitet gar nur ein Drittel (rund 3800). Der große Rest hat in eine Ausbildung zum Facharzt (rund 6000) gewechselt oder führt keine Ordination. Während die Zahl der Kassen-Allgemeinmediziner seit Jahren bestenfalls stagniert, steigt die Bevölkerungszahl. "Daher kommen auf einen Kassen-Allgemeinmediziner inzwischen um 14 Prozent mehr zu versorgende Einwohner als 1990, nämlich rund 2050", betont ÖÄK-Präsident Wechselberger.

Zeitgemäße Ausbildung als Voraussetzung für Primärversorgung

Gerade für den von der Politik angekündigten Aufbau eines Primary Health Care Systems brauche man deutlich mehr niedergelassene Allgemeinmediziner. In Österreich sei deren Anteil an der gesamten Ärzteschaft von 40 Prozent (1960) auf knapp 16 Prozent gesunken, also auf die Hälfte des internationalen Durchschnitts von 30 Prozent. Ideal für ein modernes Primärversorgungssystem seien nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sogar 40 bis 50 Prozent.

Wechselberger forderte daher eine Medizinerausbildung, die internationalen Standards entspreche und junge Menschen motiviere, eine Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin anzustreben. Das bedeute: eine moderne, umfassende, praxisnahe und an Primary Health Care orientierte Ausbildung für angehende Allgemeinmediziner und eine fachspezifische Konzentration der Ausbildung für alle, die als Spezialisten in Sonderfächern tätig werden wollen. "Wenn die Politik ihre Ankündigung ernst nimmt, muss sie jetzt die Weichen in der Ausbildung künftiger Mediziner stellen und die Arbeits- und Einkommensbedingungen der derzeit noch tätigen verbessern", sagte Wechselberger für den "attraktive Arbeitsmöglichkeiten in der Niederlassung unter Berücksichtigung der Work-Life-Balance der jungen Medizinerinnen und Mediziner" unabdingbare Voraussetzungen zur Sicherung der wohnortnahen ambulanten Patientenversorgung sind." (ar)

Quellen: OECD Health Data 2013, ÖÄK-Statistik

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