TIROLER TAGESZEITUNG; Leitartikel vom 16. August 2013 von Michael Sprenger - Blutbad gegen die Demokratie

INNSBRUCK (OTS) - Utl.: Das brutale Vorgehen der Exekutive gegen Mursi-Anhänger schafft ein neues Märtyrertum für die Islamisten und sorgt für weitere Gewalt. Auf dem Spiel steht längst die Hoffnung der Revolution auf ein neues Ägypten.

Die Muslimbrüder hatten mit der Demokratie nichts am Hut. Aber sie nützten nach dem geglückten Beginn des arabischen Frühlings die Aufbruchstimmung nach der Revolution, um auf demokratische Weise an die Macht zu kommen. Dort angekommen veranlassten sie ihre Gegen-Revolution. Erneut formierten sich Liberale und Linke, um für ihre Hoffnung auf ein demokratisches Ägypten - nach den Jahren der Diktatur - auf die Straße zu gehen, um so gegen den Verrat an der Revolution zu demonstrieren.
Der islamistische Staatschef Mohammed Mursi und die Muslimbrüder hatten anderes im Sinn als die jungen Revolutionäre vom Tahrir-Platz, die sich gegen den Langzeitdiktator Hosni Mubarak stellten. Mursi schaltete das Höchstgericht aus, blockierte die Presse, ließ sich eine islamis tische Verfassung zurechtzimmern - und ruinierte die schon angeschlagene Wirtschaft.
Das Militär in Ägypten, der Staat im Staate, rückte einst nicht uneigennützig von Mubarak ab und stellte sich dann ebenso gegen Mursi, um seine Macht abzusichern. Mit dem Putsch gegen den gewählten Präsidenten begann aber ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, das nun, seit dem Massaker vom Mittwoch, zu einem Flächenbrand werden kann. Der arabische Frühling wird immer mehr zu einem Albtraum. Den Muslimbrüdern und ihren Anhängern wurde der Glaube an die Demokratie längst brutal ausradiert. Doch auch die Revolutionäre vom Tahrir-Platz haben begriffen, dass das Militär und die Polizei versuchten, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.
Das Militär hat wohl seine Macht vorerst abgesichert. Wer sich ihm entgegenstellt, wird ausgeschaltet. Doch ebenso dürften jene radikalen islamistischen Kräfte, die den Westen samt seinem Demokratiegeschwafel seit jeher als Feind begriffen haben, gestärkt aus den chaotischen Zuständen in Kairo hervorgegangen sein.
Das Massaker gegen die Anhänger Mursis wird so auch für den Westen zur Herausforderung. Sie stehen vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Bislang setzte der Westen, insbesondere die USA, in Ägypten auf ein realpolitisches Bündnis mit der Stabilität in der Region. Also mit dem Militär. Das war schon bei Mubarak so. Da störte dann auch nie das Blut auf den Händen. Und jetzt? Wollen sie weiter ein Bündnis mit der Militärmacht oder wollen sie, dass ihre Sichtweise von Demokratie auch umgesetzt wird? In beiden Fällen droht dem Westen ein kaum zu kalkulierendes Risiko.

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