"DER STANDARD"-Kommentar: "Blaue Scheinheiligkeit" von Michael Völker

(Ausgabe ET 16.08.2013)

Wien (OTS) - Die FPÖ suhlt sich in der Empörung, die ihre xenophoben Wahlplakate vor allem in kirchlichen Kreisen auslösen. Dass sich sogar der Wiener Kardinal zu einer tadelnden Stellungnahme herabgelassen hat, adelt die blauen Wahlkampfstrategen. Genau so hatte sich Parteichef Heinz-Christian Strache das vorgestellt: mit der ebenso provokanten wie zynischen Verwendung des Begriffs "Nächstenliebe" im Wahlkampf Widerspruch zu erzeugen und daraus Aufmerksamkeit zu generieren.

Gehen all die anständigen Menschen, die die missbräuchliche Verwendung des christlichen Begriffs der Nächstenliebe zurückweisen, den blauen Kampagnenerfindern in die Falle? Ja. Und das ist gut so.

Natürlich ist es ärgerlich, wie die Freiheitlichen ihre Kritiker mit Spott und Hohn bedenken, aber man kann die unverhohlene Fremdenfeindlichkeit, wie sie die FPÖ derzeit wieder an den Tag legt, nicht einfach übergehen, auch wenn sich ein paar Funktionäre in ihrer Schlichtheit dann auf die Schenkel klopfen.

Gegen einen Gewohnheitseffekt, der die Hemmschwelle von der Boshaftigkeit zur Bösartigkeit herabsetzt, muss sich eine Gesellschaft in ihrem eigenen Interesse zur Wehr setzen. Nichts anderes tun die kirchlichen Organisationen, wenn sie die Verdrehung der Bibelaussagen in ihr Gegenteil kritisieren - auch auf die Gefahr hin, der blauen Effekthascherei auf den Leim zu gehen.

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