An den Besten messen

Innsbruck (OTS/TT) - Untertitel: Tirol verliert in der EU-Wettbewerbsstudie kräftig an Boden. Das ist ein klarer Auftrag an alle Verantwortlichen, notwendige Veränderungen ohne ideologische Scheuklappen anzugehen.

Text: Von Mario Zenhäusern
Seit Jahren klopfen sich unsere Bundes- und Landespolitiker auf die Brust, wenn es um internationale Vergleichbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit geht. Österreich liege im EU-Spitzenfeld, werden die Regierungsspitzen nicht müde zu betonen. Und in Tirol ist immer davon die Rede, welche Vorreiterrolle gerade die Europaregion einnehme. Kritik wird mit dem monotonen Argument abgeschmettert, dass es uns im Vergleich zu anderen Regionen ja gutgehe.
Eine aktuelle Studie der Europäischen Union über die Wettbewerbsfähigkeit der insgesamt 273 EU-Regionen zeigt, dass der Stolz der Politiker nicht bzw. nur zum Teil berechtigt ist. Zwar liegt Tirol, was den Arbeitsmarkt anbelangt, tatsächlich im europäischen Spitzenfeld - aktuell auf Platz zehn unter 273 Regionen. Das ist aber leider einer der wenigen positiven Aspekte des 170 Seiten starken Papiers. In der Gesamtbewertung ist die Spitze nämlich weiter entfernt denn je. Aktuell rangiert Tirol nur auf Platz 122, hat gegenüber 2010 unglaubliche 36 Plätze eingebüßt. Nach Schlusslicht Kärnten (135) ist Tirol damit das zweitschlechteste österreichische Bundesland. Nicht besser ergeht es der vielgerühmten Europaregion: Südtirol und das Trentino schneiden sogar noch schlechter ab als Tirol.
Geradezu niederschmetternd fällt das Urteil der Brüsseler Experten zum Themenbereich Bildung aus. Was viele in Österreich immer noch vollmundig als bestes Schulsystem Europas bezeichnen, ist im internationalen Vergleich Platz 21 von 28 bewerteten Staaten wert. Auf Tirol bezogen wirkt sich besonders der Themenkomplex "Höhere Bildung und lebenslanges Lernen" fatal aus. Da rangiert unser Bundesland lediglich an der 166. Stelle. Das ist eine kräftige Ohrfeige für alle, die unser Bildungssystem immer noch verteidigen beziehungsweise den notwendigen Neuerungen im Wege stehen.
Die zum Teil bitteren Teilergebnisse der EU-Studie sind ein klarer Auftrag an alle Verantwortlichen. Wer jetzt immer noch ideologische Argumente vorschiebt, um die Beseitigung offensichtlicher Fehlentwicklungen zu verhindern, nimmt eine weitere Verschlechterung der Situation in Kauf. Wer jetzt immer noch davon spricht, wie gut es uns doch im internationalen Vergleich geht, führt das Land in eine Sackgasse. Messen müssen wir uns an den Besten, nicht am Mittelmaß und schon gar nicht am Ende der Tabelle. Das ist zwar unbequem und erfordert mitunter das Abgehen von ausgetretenen Pfaden. Aber es ist ein Weg ohne Alternative.

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