WirtschaftsBlatt- Leitartikel: Salzburgs Festival fehlt Demut - von Michael J.Mayr

In Salzburg steht nicht die Kunst im Mittelpunkt, sondern ein gewisser Stil zu leben

Wien (OTS) - Man darf gespannt sein, was Festspielredner Jose Antonio Abreu den 1450 Eröffnungsgästen in der Felsenreitschule heute Mittag zu sagen hat: Der venezolanische Ökonomie-Professor hat im Alltag mit dem Glamour, der Salzburg alle Sommer wieder zur wohl größten Repräsentationsbühne für die Mächtigen, Reichen und Schicken macht, wenig am Hut.

Abreu spürt mit seinem Hilfsprojekt "El Sistema" im südamerikanischen Armenhaus Venezuela Kinder auf, die durch Musik zu besseren Lebenschancen kommen wollen. 1300 von ihnen zeigen derzeit vor Salzburger Festspielpublikum ihr Können.

Die von Sponsoren bezahlte Einladung ist ein Zeichen, mehr nicht. Auch dass die Festspiele allenthalben Benefizveranstaltungen einstreuen wie jüngst die "Jedermann"-Generalprobe mit 93.000 Euro Erlös für die ORF-Flutopferhilfe, ist ehrenwert.

Dem "reichen" Spektakel stünde aber noch mehr Demut an. Kritiker sagen offen, in Salzburg stehe nicht die Kunst im Mittelpunkt, sondern ein gewisser Stil zu leben. Bei Kartenpreisen von 400 Euro und einer Gesamtwertschöpfung von locker 300 Millionen Euro in sechs Wochen lässt sich das schwer dementieren.

Der Rechnungshof hat im Vorjahr aufgedeckt, dass freihändige Auftragsvergaben im Festspieldirektorium gang und gäbe sind. Karten hauptsächlich der teuersten Kategorien im Gesamtwert von zwei Millionen Euro werden jährlich verschenkt.

Eine Liste der Empfänger gibt es nicht. "Freikarten sind ein Marketinginstrument", verteidigt sich Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler.

Für die zehn Prozent der Salzburger, die armutsgefährdet sind, und die vielen anderen, denen Sparpakete und Schuldenbremsen seit Jahren zusetzen, muss so viel lockere Hand an der Festspielspitze ein moralischer Affront sein. Ganz zu schweigen davon, dass das Budget jedes Jahr Rekordhöhen sprengt.

Ex-Intendant Gerard Mortier empfahl dem Festival, welches er von 1990 bis 2001 prägte, in seiner Eröffnungsrede vor einem Jahr Askese als Leitmotiv: "Dann wird es das bedeutendste Festival Europas bleiben."

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