Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 24. Juli 2013; Leitartikel von Anita Heubacher: "Das Pensionssystem wird kollabieren"

Innsbruck (OTS) - Utl: Für echte Reformen ist die Zeit zwischen den Wahlen zu kurz. Deshalb diskutiert die Politik lieber über die Anhebung eines theoretischen Pensionsantrittsalters. Das bringt nur eines: immer höhere Abschläge, die wir zu bezahlen haben.

Debatten über die Pensionsregelung kommen immer wieder. Das System wird kollabieren. Das weiß jeder, für echte Reformen ist die Zeitspanne zwischen Wahlen zu kurz. Das einzig Überraschende an der jetzigen Diskussion ist daher der Zeitpunkt. Vor der Wahl wird das heikle Thema normalerweise nicht angeschnitten. Die ÖVP hat es nun dennoch getan und eine raschere Angleichung des Pensionsantrittsalters für Frauen gefordert. Alles Makulatur.
In rund der Hälfte der EU-Staaten beträgt das Pensionsantrittsalter für Frauen und Männer 65 Jahre. In fast allen EU-Staaten liegt das tatsächliche Pensionsantrittsalter weit darunter. In Österreich gehen Frauen mit 57 und durchschnittlich 968 Euro in Pension, Männer mit 59 und 1730 Euro im Monat.
Dabei geht es Österreichs Pensionisten noch besser als jenen in Deutschland. Als letztes Jahr die deutsche Arbeitsministerin Ursula von der Leyen ihren Bundesbürgern vorrechnete, wie viel Euro sie in der Pension zu erwarten hätten, gingen die Wogen hoch. Wer in Österreich 35 Jahre lang 2500 Euro brutto verdient, erhält im Alter 1550 Euro brutto Pension, hat das Sozialministerium errechnet. Das ist nicht berauschend, aber auch künftig mehr als in Deutschland. Wie Österreich sich das leisten kann, ist schnell beantwortet: gar nicht. Was wir uns auch nicht leisten können, ist eine immer größer werdende Heerschar von Teilzeitbeschäftigten. Weniger Arbeit, weniger Lohn, weniger Pension. Dieses Los ist zum Teil freiwillig und zum Teil unfreiwillig gewählt. Die Zahl der schlecht bezahlten Teilzeitjobs steigt, jene der gut dotierten Vollzeitjobs sinkt. Unterm Strich bleibt: Wer weniger arbeitet, droht in die Altersarmut zu schlittern. Und wer fängt das auf? Die öffentliche Hand.
Vorausgesetzt die Österreicherinnen und Österreicher wären willig, länger zu arbeiten, stellt sich die Frage, wo sie das bewerkstelligen sollen? Die Zahl der Arbeitslosen jenseits der 50 schwillt in den letzten Jahren dramatisch an. Altersgerechtes Arbeiten ist in den meisten Betrieben noch gar nicht angekommen. Alles Fakten, die bekannt sind, und dennoch diskutiert die Politik über die Anhebung und die Angleichung des Pensionsalters. Theoretisch. Praktisch wird es so sein, dass sich vordergründig auch künftig nicht viel ändert. Wir werden weiterhin früher als vorgesehen in Pension gehen, aber immer höhere Abschläge zu bezahlen haben, weil die Lücke zum Pensionsantrittsalter immer größer wird.

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