WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Dem Lehrberuf fehlt das Prestige - von Daniela Friedinger

... und solange Manager allesamt Doktortitel führen, wird sich das wenig ändern

Wien (OTS) - Vorerst verwundert es jedes Mal aufs Neue, wenn die Wirtschaft über Facharbeitermangel klagt. Schließlich klettert die Zahl der Arbeitslosen beständig nach oben und die aktuelle Insolvenzwelle wird sie zusätzlich erhöhen. Doch das vermeintliche Paradoxon von steigenden Arbeitslosenzahlen auf der einen Seite und fehlenden Fachkräften auf der anderen ist bei näherer Betrachtung rasch aufgelöst: Angebot und Nachfrage stimmen häufig nicht überein.

Dies mag auch an überzogenen Wünschen der Wirtschaft liegen. Wir alle wissen, dass nicht jeder Bewerber dem Idealbild "gut ausgebildet, berufserfahren und dazu möglichst billig" entspricht. Die Wurzel allen Übels ist aber wohl, dass die Ausbildung zum Facharbeiter, nämlich die Lehre, ein massives Imageproblem hat.

So entscheiden sich 63 Prozent der 15-Jährigen zur Fortsetzung der Schullaufbahn, weil nicht zuletzt die Eltern darauf drängen: War ihnen selbst die Matura verwehrt, so soll sie zumindest das eigene Kind erreichen. Und verfügen sie über Matura oder Hochschulabschluss, dann ist es umso weniger vorstellbar, dass der Sohn oder die Tochter "nur" eine Tischler-, Maler- oder auch Mechatronikerlehre macht.

Wie also dieses "Nur" aus unseren Köpfen wegbringen und die duale Ausbildung in eine prestigeträchtige verwandeln?

Hier ist einerseits die Politik gefragt. Sie sollte immer wieder trommeln, dass die österreichische Jugendarbeitslosenrate mit 8,0 Prozent die zweitniedrigste in der EU ist (nach Deutschland mit 7,5 Prozent) und dass der Hauptgrund dafür in Österreich wie in Deutschland im dualen Ausbildungssystem liegt. Andererseits ist es an den Unternehmen selbst, das Image der Lehre zu heben. Dies kann mit gutem Abschneiden bei Berufsweltmeisterschaften sowie mit Aktionen, die Maturanten in die Lehre locken, sicher ein wenig gelingen. Ebenfalls gehört dazu, nicht ständig über mangelnde Rechtschreibung und Höflichkeitsformen der jungen Leute zu klagen.

Doch am wichtigsten ist wohl, Facharbeitern attraktive Aufstiegschancen zu ermöglichen und dies nach außen hin sichtbar zu machen. Denn solange es hierfür nicht zahlreiche Beispiele gibt und Geschäftsführung sowie mittleres Management allesamt Doktortitel führen, wird Karriere mit Lehre nur ein Schlagwort bleiben.

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