Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 29. Juni 2013. Von CHRISTIAN JENTSCH. "David hat Verbündete gegen Goliath".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der einstige US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden wird von Washington als Verräter gejagt. Doch im ungleichen Machtkampf lassen es sich weder China noch Russland nehmen, den USA ihre Grenzen aufzuzeigen.

Im Spionagethriller um den US-Whistleblower Edward Snowden geht das Katz-und-Maus-Spiel weiter. Jener frühere Geheimdienstmitarbeiter, der umfassende Ausspähprogramme US-amerikanischer und britischer Geheimdienste an die Öffentlichkeit gebracht hatte und von Washington als Verräter gejagt wird, versteckt sich offenbar immer noch auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo. Und schlägt einer zunehmend erbosten Weltmacht ein Schnippchen.
Die USA sind in ein massives PR-Desaster geschlittert und scheinen keinen Ausweg zu finden. Nach der Veröffentlichung zahlreicher Geheimdokumente durch WikiLeaks sind die Enthüllungen von Edward Snowden ein weiterer Schlag für die Regierung von US-Präsident Obama. Doch wer geglaubt hatte, dass sich die USA nun in Selbstkritik üben, wurde enttäuscht. Nicht die Praktiken der mächtigen Geheimdienste, die sich im Namen nationaler Sicherheitsinteressen offenbar über alle Grundrechte hinwegsetzen können, stehen in der Kritik. Vielmehr empören sich mächtige Senatoren - sowohl Demokraten als auch Republikaner - über einen Verräter, der "bis ans Ende der Welt gejagt werden muss". Doch auf ihrer Jagd nach Snowden stößt die Supermacht an ihre Grenzen. Denn sowohl China als auch Russland - Snowdens Flucht vor den US-Behörden führte ihn zunächst nach Hongkong und von dort nach Moskau - zeigten sich nicht gewillt, den Enthüller an die USA auszuliefern. Auch wenn so mancher US-Politiker wieder den Kalten Krieg ausrief und vor ernsthaften Konsequenzen in den ohnehin angespannten Beziehungen warnte, zeigten Russland und China Washington die kalte Schulter.
Wobei eines klar ist: Das laute Getöse rund um Snowden ist wohl mehr Show als Realpolitik. Denn: China und die USA können es sich ganz einfach nicht leisten, ihre Beziehungen aufs Spiel zu setzen. Viel zu sehr sind die beiden Supermächte miteinander verwoben. China als größter Gläubiger der USA finanziert den Kaufrausch der US-Amerikaner und China braucht die USA, um sein rasantes Wachstum zu halten. Auch die schwierigen Beziehungen zwischen Moskau und Washington wird der Fall Snowden nicht nachhaltig erschüttern. Der Einsatz wäre viel zu hoch.
Drohungen gegenüber Ecuador, wo Snowden um Asyl angesucht hat, gehen da schon leichter von der Hand. Doch selbst da ging die Warnung, Zollerleichterungen seitens der USA zu streichen, ins Leere. Die Supermacht USA stößt im Fall Snowden an ihre Grenzen.

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