• 20.06.2013, 11:00:33
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Belvedere: DEKADENZ - POSITIONEN DES ÖSTERREICHISCHEN SYMBOLISMUS

Wien (OTS) - Erstmals widmet das Belvedere den vielfältigen
Positionen des Symbolismus in Österreich eine große Ausstellung. Als
ersten Schritt einer längst überfälligen Aufarbeitung der höchst
bedeutenden, bislang fast ausschließlich in Teilaspekten
thematisierten Richtung der österreichischen Kunst um 1900 bietet die
Schau einen Überblick über die Entwicklung der symbolistischen
Kunstauffassung in Österreich und Mitteleuropa. Mit einer
vielfältigen Zusammenstellung künstlerischer Standpunkte zu
verschiedenen Themen veranschaulicht Dekadenz - Positionen des
österreichischen Symbolismus die große Bandbreite an Stilen und
persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Eine künstlerische Intervention
des kanadischen Komponisten und Installationskünstlers Robin Minard
erweitert das visuelle um ein akustisches Ausstellungserlebnis,
wodurch die Schau dem interdisziplinären Anspruch der Kunstströmung
gerecht wird.

Symbolismus als Ausgangspunkt für die Moderne

"Obwohl er die Basis für relevante Strömungen des 20. Jahrhunderts
bildete, etwa für den magischen oder den fantastischen Realismus der
Zwischen- bzw. Nachkriegszeit, hatte der Symbolismus einen schweren
Stand in der Kunstwelt - das Fantastische, Überbordende galt als
unmodern, irrational und dekadent. Tatsächlich spielte die lange
wenig beachtete Kunstrichtung aber besonders in Österreich eine
zentrale Rolle für die Entwicklung der Moderne - sie bildete sich
bereits in den 1870er-Jahren aus dem Geist der Décadence heraus, die
eine abgründige Ästhetik des Verfalls, des Mystischen und
Rätselhaften für sich entdeckte", erläutert Agnes Husslein-Arco,
Direktorin des Belvedere. Egon Schiele und Oskar Kokoschka schöpften
die Grundlagen ihrer expressionistischen Arbeiten aus dem
Symbolismus, die Werke Gustav Klimts oder Koloman Mosers basieren auf
symbolistischem Gedankengut, und selbst für die Entwicklung der
abstrakten Malerei war die Strömung äußerst bedeutsam, wie etwa im
Falle von Frantisek Kupka deutlich wird.

Auf der Suche nach einer Ausdrucksform für Sinnlichkeit,
Magie und tiefe Bedeutsamkeit

Als Ausweg aus dem Pomp des Historismus und der Oberflächlichkeit des
Naturalismus war die damalige junge Künstlergeneration auf der Suche
nach einer Ausdrucksform, die Sinnlichkeit, Magie und tiefe
Bedeutsamkeit verkörperte. Sie spürte den Rätseln von Mythologie und
Mystik nach und schuf ihre eigenen modernen Mythen. Anstelle der
historistischen Repräsentationsmalerei trat der subjektive Blick auf
seelische Vorgänge in den Mittelpunkt, was sich in einer suggestiven
Farb- und Formensprache äußerte. Die Abwendung von der Realität
führte manche Künstler zur Idylle, andere zu kosmischen Visionen.
Kunstschaffende wie Max Klinger, Franz von Stuck, Fernand Khnopff und
Jan Toorop vermittelten diese Ästhetik insbesondere über die Wiener
Secession in Österreich und Mitteleuropa. "Dekadenz - Positionen des
österreichischen Symbolismus veranschaulicht, wie die Kunstauffassung
der Décadence im Kontext des Fin de Siècle zur Auflösung der
traditionellen ästhetischen Normen zugunsten eines freien, kreativen
Experimentierens mit den Möglichkeiten der bildlichen Darstellung
führte. Da der Symbolismus einerseits verschiedenste Stilrichtungen
umfasste, sich andererseits auch auf Literatur, Poesie und Musik
erstreckte, gilt er nicht als Stil, sondern vielmehr als
Geisteshaltung", erklärt Alfred Weidinger, Vizedirektor des Belvedere
und Kurator der Ausstellung. Dieser interdisziplinäre Charakter fand
in der Entwicklung des secessionistischen Gesamtkunstwerks einen
Höhepunkt und wird durch die akustische Intervention des kanadischen
Komponisten und Installationskünstlers Robin Minard, der mithilfe von
mehr als 2000 Lautsprechern ein grafisches Ornament aus den
Ausstellungen der Secession aufgreift und sich dabei von
symbolistischer Musik, Literatur und Lyrik inspirieren lässt, in die
Schau integriert.

Symbolistische Bildwelten zwischen Vision und Suggestion:
das Gesamtkunstwerk

In die Themen Von der Allegorie zum Symbol, Gesichter - Körper -
Landschaften, Fin de Siècle und Goldenes Zeitalter, Die Frau als
Symbol, Zwischen Unterwelt und Weltall sowie Richard Wagner und die
Symbolisten gegliedert, zeigt die Schau u. a. Werke von Gustav Klimt,
Egon Schiele, Giovanni Segantini, Gustave Moreau, Max Klinger, Arnold
Böcklin, Jan Toorop, Fernand Khnopff, Alfred Kubin, Franz von Stuck,
Luigi Bonazza, Wilhelm Bernatzik, Wilhelm List, Maximilian Lenz,
Erich Mallina, Rudolf Jettmar, Eduard Veith, Frantisek Kupka,
Maximilian Pirner, Karl Mediz, Arnold Clementschitsch, Koloman Moser,
Wenzel Hablik, Ernst Stöhr und Oskar Kokoschka.

Das Thema Von der Allegorie zum Symbol veranschaulicht, wie das
symbolistische Bild im Gegensatz zur klassischen Allegorie - deren
Verständnis auf Konvention beruht und gedanklich erschlossen werden
kann - auf die suggestive Wirkung abzielt und die sinnliche Erfahrung
über die rationale Erkenntnis stellt, indem der Banalität der realen
Welt Mythos und Mystik gegenübergestellt werden. Gesichter - Körper -
Landschaften thematisiert die Beschäftigung der Künstler mit ihrer
subjektiven Sicht auf die Welt. Durch die Abwendung von der
naturalistischen Darstellung können künstlerische Gestaltungsmittel
als Ausdrucksträger eingesetzt werden, und so wird die Behandlung
etwa des Gesichts im Porträt, des Körpers im Akt oder der Natur im
Landschaftsbild zur Suche nach Erkenntnis. Fin de Siècle und Goldenes
Zeitalter fokussiert auf die symbolistische Fortsetzung der
melancholischen romantischen Stimmungslandschaft. Das Gefühl der
Überkultivierung wird von vielen Künstlern als Bürde empfunden - sie
sehnen sich nach einem einfachen Leben und spüren dem Verhältnis
zwischen dem Menschen und seiner Umwelt nach. Der Bereich Die Frau
als Symbol stellt dar, wie der zentralen Rolle der Frau als
allegorische Figur im Symbolismus eine neue Bedeutung zukommt.
Traditionell mit Sinnlichkeit und Rätselhaftigkeit assoziiert, bietet
die Frau die ideale Projektionsfigur - ihre Rollenbilder, zwischen
Heiliger und Hure, zwischen Femme fragile und Femme fatale, werden in
allen Facetten ausformuliert und um neue Aspekte bereichert. Die
Sektion Zwischen Unterwelt und Weltall zeigt auf, wie der Tod als
Übergang vom irdischen zum ewigen Leben geradezu als Metapher für die
Ziele der Symbolisten gelten kann: von der Banalität des alltäglichen
Lebens hin zu den Rätseln des Jenseits, zu Himmel und Hölle,
Unterwelt und kosmischen Welten jenseits von Zeit und Raum. Richard
Wagner und die Symbolisten schließlich verdeutlicht, wie Wagners
Vision des Gesamtkunstwerks und sein Opus magnum, der 1876
uraufgeführte Opernzyklus Ring des Nibelungen, ein unerschöpfliches
Repertoire an inspirierenden Motiven und die Möglichkeit des
Abtauchens in eine romantische, bislang nur in Musik und Literatur
verbreitete Unterwasserwelt bot und dadurch die wohl wertvollsten
Beiträge des österreichischen Symbolismus ermöglichte.

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