Unausgeschöpfte Exportpotentiale im österreichischen Dienstleistungshandel - mögliche wirtschaftspolitische Ansatzpunkte

Die FIW-Studie "Pattern, Determinants and Dynamics of Austrian Service Exports - A Firmlevel Analysis" ist als kostenloser Download unter http://fiw.ac.at erschienen.

Wien (OTS) - Dienstleistungsexporte nehmen einen immer größeren Teil des österreichischen Gesamtexports ein. Fehlende sowie unvollständige Daten haben bisher die Analyse des internationalen Dienstleistungshandels erschwert. Eine detaillierte Analyse des WIFO auf Basis von anonymisierten Unternehmensdaten der OeNB im Rahmen des "Forschungsschwerpunkts internationale Wirtschaft" (FIW) gibt Aufschluss über die Determinanten der Exporttätigkeit, die Wahl der Exportmärkte sowie die Exportpotentiale österreichischer Dienstleistungsunternehmen in verschiedenen Auslandsmärkten.

Nur ein geringer Anteil österreichischer Unternehmen ist am Export von Dienstleistungen beteiligt und der Großteil des Auslandsumsatzes wird von wenigen (größeren) Dienstleistungsexporteuren erwirtschaftet ("Superstars"). So decken die Top-1% der Dienstleistungsexporteure -rund 50 Unternehmen - fast die Hälfte der Gesamtexporte ab, die Top-5% der Dienstleistungsexporteure mehr als 70%. Ein Anteil von nur 2,9% aller Unternehmen ist im Dienstleistungsexport tätig.

Wie kann die Wirtschaftspolitik die Exportpartizipation im Dienstleistungshandel erhöhen? Die österreichische Exportförderung versucht dies mit einer Reihe von Fördermaßnahmen für Exporteinsteiger und mit Maßnahmen im Bereich der internationalen Markterschließung. Ein Schwerpunkt liegt dabei auch auf der Unterstützung und Begleitung von Dienstleistungsexporteuren. Diese setzen jedoch meist bei schon exportierenden bzw. bei bereits internationalisierungswilligen Unternehmen an. Dabei unterscheiden sich exportierende Unternehmen systematisch von Nicht-Exporteuren:
Sie sind größer und produktiver. Die für die Wirtschaftspolitik wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist: Gibt es eine "Selbstselektion" der produktiven und großen Unternehmen in den Export, oder erhöht umgekehrt der Export die Leistungsfähigkeit und das Wachstum der Unternehmen? Die Analyse für Österreich lässt auf eine "Selbstselektion" der produktivsten Unternehmen (die Effizienz der Unternehmen bestimmt die Exportentscheidung), aber auch auf Lerneffekte für Neuexporteure durch die Exporttätigkeit schließen. Politische Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität sowie des Wachstums von Unternehmen - etwa durch Investitionen in Bildung, Innovationsförderungen usw. - stellen damit ein effektives wirtschaftspolitisches Instrument dar, um die Exportpartizipation im Dienstleistungshandel zu erhöhen.

Effizienz und Unternehmensgröße sind auch entscheidende Faktoren für die Wahl der Exportmärkte und den Marktradius (Anzahl der Exportmärkte), die Festigung des Exportstatus von Erstexporteuren ("Überlebensrate") und die Vertiefung von Exportbeziehungen. "Überleben" und "Vertiefung" sind andererseits wichtige Voraussetzungen für die Verwirklichung von Lerneffekten der Erstexporteure und das Gesamtwachstum des Dienstleistungsexports. Die Daten zeigen vor allem die Schwierigkeit des "Überlebens" im ersten Jahr. Rund 30% der Erstexporteure scheiden nach dem ersten Jahr des Exports wieder aus dem Auslandsmarkt aus, im zweiten Jahr reduziert sich diese Wahrscheinlichkeit des Marktaustritts auf 10% und etablierte Unternehmen haben die geringste Austrittswahrscheinlichkeit.

Simulationsergebnisse in der Studie zeigen, dass Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität und des Unternehmenswachstums deutliche Effekte haben können. Eine Anhebung der Unternehmensgröße und der Produktivität der kleinsten und der am wenigsten produktiven Unternehmen (der untersten 10%) auf den Durchschnittswert aller Unternehmen würde zusätzliche Dienstleistungsexporte von 4% im Dienstleistungssektor und 7% im produzierenden Bereich zur Folge haben. Diese Effekte sind erheblich, wenn man bedenkt, dass diese Simulation nur die Veränderung der kleinsten und wenig produktiven Unternehmen umfasst, denn es sind Unternehmen, die insgesamt weniger zum Gesamtvolumen beitragen als die größten und produktivsten. Produktivitätsverbesserungen der "besten" Unternehmen würde das Exportpotential um ein Vielfaches stärker erhöhen. Die Produktivitätsentwicklung des österreichischen Dienstleistungssektors hinkt jener in europäischen Vergleichsländern - insbesondere in den Niederlanden, in Dänemark und Norwegen - deutlich nach. Das Potential für effizienzsteigernde Maßnahmen in Österreich ist somit insgesamt beträchtlich.

Übersicht 1: Exportpotentiale durch Marktwachstum in den Auslandsmärkten laut internationaler Prognosen

Dienstleistungssektor Produzierender Bereich Veränderung der Exporte in % Nachbarländer + 8,40 + 8,52 Traditionelle Intra-EU-Märkte + 13,02 + 14,58 Traditionelle Extra-EU-Märkte + 51,39 + 55,99 Neue Intra-EU-Märkte + 8,78 + 9,05 Neue Extra-EU-Märkte + 83,28 + 95,89 Insgesamt + 12,57 + 15,06

Q: OeNB, Statistik Austria, IMF-Prognosen bis 2015, WIFO-Berechnungen. Nachbarländer: Deutschland, Italien, Liechtenstein, Slowakei, Slowenien, Schweiz, Tschechien und Ungarn; traditionelle Intra-EU-Märkte: Belgien, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Kroatien, Niederlande, Polen, Rumänien, Spanien und Schweden; traditionelle Extra-EU-Märkte: Japan, Russland, Türkei, Ukraine und USA; neue Intra-EU-Märkte: Dänemark, Estland, Griechenland, Irland, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Portugal und Zypern; neue Extra-EU-Märkte: Australien, Brasilien und Neuseeland.

Für die Wahl des Exportmarktes, besonders jedoch für die Höhe der Exporte bestehender Handelsbeziehungen, spielen neben Unternehmensgröße und Produktivität geographische Merkmale und spezifische Charakteristika der Zielländer, wie Marktgröße und regulatorische Hemmnisse, eine wesentliche Rolle. Auf Basis der mittelfristigen Prognosen des IMF bis 2015 ergeben die Simulationen die höchsten Exportpotentiale für österreichische Dienstleistungsunternehmen im Extra-EU Raum, darunter Australien, Brasilien und Neuseeland, aber auch in den Schwellenländern, wie Russland, Türkei und die Ukraine (Übersicht 1).

In Österreich erweist sich das Exportgarantiesystem des Bundes als wirksames Mittel, um österreichischen Unternehmen den Marktzugang in Schwellenländern mit großem Marktpotential zu erleichtern. Allerdings hat dieses Fördermittel für den Dienstleistungsexport wenig direkte Relevanz, weil vorwiegend große Unternehmen aus dem produzierenden Bereich diese Förderungen in Anspruch nehmen. Produktbegleitende Dienstleistungsexporte, wie etwa bei großen Anlagebauern, werden damit aber indirekt mitgefördert.

Auf handelspolitischer Ebene könnte eine Deregulierung der Dienstleistungssektoren in besonders restriktiven Märkten das Exportpotential der österreichischen Unternehmen teilweise deutlich erhöhen. Zu den derzeit restriktivsten Ländern zählen Griechenland, Polen und die Türkei. Abgesehen von Griechenland, wo aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung das Potential kaum verwirklichbar scheint, könnte eine Verbesserung der Regulierungen auf das durchschnittliche Niveau die größten Potentiale für österreichische Dienstleistungsexporteure ergeben (Abbildung 1). Weitere Wachstumspotentiale von rund 4% würde die Deregulierung von Dienstleistungsbranchen in der Slowakei und in Tschechien bringen, die gegeben ihrer Nähe und wegen des relativ hohen Exportanteils bereits wichtige Zielmärkte österreichischer Dienstleistungsunternehmen sind.

Abbildung 1: Exportpotentiale durch Deregulierung in Auslandsmärkten - auf der FIW-Website (http://www.fiw.ac.at/index.php?id=711)

Rückfragen bitte am 19. Juni 2013 zwischen 9 und 13 Uhr an Elisabeth Christen, Tel. +43 (0)1 789 26 01-241
E-Mail: Elisabeth.Christen@wifo.ac.at

Michael Pfaffermayr, Tel. +43 (0)512 507-7359
E-Mail: Michael.Pfaffermayr@uibk.ac.at

Yvonne Wolfmayr, Tel. +43 (0)1 798 26 01-253
E-Mail: Yvonne.Wolfmayr@wifo.ac.at

Der "Forschungsschwerpunkt Internationale Wirtschaft" (FIW) wird im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend (BMWFJ) im Rahmen der Internationalisierungsoffensive der Bundesregierung von drei Instituten - Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Rechenzentrum (WSR) betrieben. Er bietet Zugang zu internationalen Außenwirtschafts-Datenbanken, eine Forschungsplattform und Informationen zu außenwirtschaftsrelevanten Themen.

Die FIW-Studien 2012/13 zeigen die Ergebnisse von den vier Themenbereichen "Mikrodaten und Außenwirtschaft", "Modellierung der Auswirkungen von EU-Freihandelsabkommen", "Die Wirtschaftskrise und internationale Makroökonomie" und "Umwelt, Umwelttechnologie und Außenwirtschaft", die im Rahmen des "Forschungsschwerpunkts Internationale Wirtschaft" (FIW) Ende 2011 vom Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend (BMWFJ) ausgeschrieben und aus Mitteln der Internationalisierungsoffensive finanziert wurden.

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