Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 11. Juni 2013; Leitartikel von Peter Nindler: "Osttirols abgeschnittene Gefühlswelt".

Innsbruck (OTS) - Utl: Die Landespolitik hat die Gefühlslage der Osttiroler nach dem Felssturz am Felbertauern und dem Aus für den Korridor-zug nach Innsbruck unterschätzt. Sie muss den Osttirolern nachhaltig das Gefühl geben, auch im Zentrum Tirols zu sein.

Politisches Gespür hat vor allem etwas mit dem Wahrnehmen von Stimmungen zu tun. Das Rationale spielt dabei eine untergeordnete Rolle, die Emotion hingegen eine sehr große. Osttirol ist derzeit das beste Beispiel dafür. Der gewaltige Felssturz auf die Felbertauernstraße lässt sich nicht einfach wegzaubern, die notwendige Ersatzstraße nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen. Obwohl gehandelt wird, haben die Osttiroler derzeit das Gefühl, dass alles viel zu langsam geht. Wäre ein Nordtiroler Tal abgeschnitten, würde schneller reagiert werden, empörte sich ein Osttiroler Hotelier. Er spricht wahrscheinlich das aus, was sich viele seiner Landsleute denken. Dass dies nicht stimmt, wissen sie aber ebenfalls.
Dass von EU, Bund und Land seit 2002 rund 140 Mio. Euro an Regional- und Direktförderungen nach Osttirol geflossen sind, wird ausgeblendet. Mit zehn Millionen hat das Land alleine die Skischaukel Kals-Matrei gefördert. Doch das Nachvollziehbare hat hier wie das neue und schnellere Bus-System von Lienz nach Innsbruck keinen Platz. Denn stimmungsmäßig ist zwischen Osttiroler Selbstbewusstsein und dem Gefühl der Benachteiligung ein schmaler Grat. Es zählt der Augenblick und nicht der ganzheitliche Blick. Das unterschätzte die Politik in Innsbruck.
Der Felssturz hat Osttirol noch einmal abgeschnitten und er wirkt sich massiv auf Pendler und die lokale Wirtschaft aus. Das Ende für den traditionellen Korridorzug verstärkt hingegen das Gefühl, nicht Osttirol, sondern weit weg von Tirol zu sein. Die Sensibilität hakt sich letztlich bei der Europaregion Tirol, Südtirol und Trentino ein, wenn Osttirol zwar mitgedacht, aber nicht genannt wird.
Zwischen Regierungsbildung, neuer politischer Farbenlehre und Hochwasserkatastrophe, die das Land bis an die Grenzen gefordert hat und vor große Herausforderungen stellt, hat die Landesregierung wahrscheinlich der momentanen Gefühlslage in Osttirol zu wenig Beachtung geschenkt; dem doppelten und dreifachen Abgeschnittensein von der Schlagader Tirols.
Am 25. Juni wird die Regierung Osttirol sicher einen Geschenkskorb mit Geld mitbringen. Das ist gut für die Wirtschaft und die Pendler. Aber noch wichtiger wäre vielleicht eine Politik, die den Osttirolern das Gefühl gibt, auch im Zentrum Tirols zu sein. Vielleicht wurden da in der Vergangenheit auch im Bezirk selbst Fehler gemacht. Denn oft fuhr einer nach Innsbruck und brachte politische Präsente mit nach Hause. Dann stand er im Zentrum, aber nicht Osttirol.

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