Vizebürgermeisterin Vassilakou antwortet auf einen offenen Brief zu WEV-Intercont

Wien (OTS) - In den letzten Tagen haben sich eine Reihe von ProponentInnen verschiedener Wiener Architekturinstitutionen an mich gewandt und im Rahmen eines offenen Briefes ihr Unbehagen über die Ergebnisse des kooperativen Planungsverfahrens zum Areal Hotel Intercontinental - Wiener Eislaufverein zum Ausdruck gebracht.

Eines meiner Leitprinzipien im Zusammenhang mit Stadtentwicklung lautet: Die Stadt ist Kontroverse und Dialog. Gemeint ist damit, dass städtebauliche Projekte sehr wohl zu öffentlicher Auseinandersetzung führen sollen und dass man sich im Sinne einer neuen Planungskultur in Wien dem Dialog stellen muss, bei dem nicht nur eine ausgesuchte Elite unter sich bleibt. Ganz in diesem Sinne möchte ich, nachdem es auch bereits ein persönliches Gespräch mit den Kritikerinnen und Kritikern gegeben hat, auch noch in offener Weise antworten.

Zunächst möchte ich festhalten, dass die Wiener Stadtplanung und auch ich an einer Entwicklung auf dem Areal sehr interessiert sind. Im Gegensatz zu manch kritischen Stimmen bin ich der Meinung, dass es an diesem Ort Handlungsbedarf gibt. Niemand, der sich an diesem Ort aufhält - sei es als Besucher des WEV, des Konzerthauses oder auch als einfacher Passant - wird die Ästhetik als Bereicherung für das Stadtbild wahrnehmen. Der ganze Block ist in sich geschlossen, es gibt kein Durchkommen in den dritten Bezirk, das Konzerthaus ist vom Stadtpark aus nicht zu sehen. Dazu kommt die Verschlossenheit gegenüber dem Straßenraum oder die inhaltsleere Betonzeile entlang des Heumarktes und die fehlende Öffnung zur Lothringerstraße. Auch das Hotel ist mittlerweile in die Jahre gekommen und bedarf einer Sanierung. Wenn man sich vor Augen führt, was für einen vitalen Stadtraum die Kombination von Kultur (Konzerthaus und Akademietheater) und Sport (Eislaufverein) an diesem Ort zulassen könnte, wird man erkennen, dass das Potential noch bei weitem nicht ausgeschöpft ist.

Seit vielen Jahren ist die Wiener Stadtplanung daher bemüht, eine Entwicklung an diesem Ort anzustoßen und die Gestaltungsmöglichkeiten zu heben. Bedingung war, dass eine Entwicklung nur unter Betrachtung des gesamten Areals vom Hotel Intercontinental bis zum Konzerthaus Sinn macht und daher nur eine solche für die Stadt in Frage kommt. Unterschiedliche Grundeigentümer mit unterschiedlichen Interessen haben das bisher aber nicht zugelassen. Seit Kurzem ist das Areal in einer Hand und es gibt daher jetzt die Chance, mit dem Eigentümer eine gemeinsame Entwicklungsperspektive zu entwickeln. Was ist aber nun ein adäquates Verfahren, um eine realistische Vorstellung davon zu bekommen, was man an einem solchen Ort wollen soll? Ist es zielführend - und ich spitze die Frage bewusst etwas zu - unabhängig von Eigentümer- und Nutzerinteressen eine mögliche Verteilung von Baumassen zu untersuchen, für die dann in einem zweiten Schritt die entsprechenden Nutzungen und wirtschaftlichen Strukturen zu finden sind; oder ist es nicht zielführend, die unterschiedlichen Beteiligten mit all ihren Möglichkeiten und Zwängen zusammen zu bringen und zu versuchen, sich kooperativ auf einen gemeinsamen Weg zu begeben?

Wir haben uns entschlossen, den kooperativen Weg zu gehen. Vor einem Jahr wurden mehrere Hearings veranstaltet, um die Vorstellungen der unterschiedlichen Beteiligten anzuhören, zu diskutieren und Handlungsspielräume zu identifizieren. Es gelang, sich auf einige wesentliche Eckpunkte zu einigen; trotzdem blieb ein Anforderungsprofil, das weder inhaltlich noch von der Größenordnung her ohne weiteres vereinbar erschien. Im Folgenden wurden drei Planungsteams gebildet, jeweils bestehend aus zwei Architekturbüros und einem akademischen Lehrer, die jeweils aus ihrer Sicht Möglichkeiten der Entwicklung untersuchten. Jedoch nicht in einem konkurrierendem Verfahren gegeneinander, sondern in mehreren dialogisch ausgerichteten Workshops voneinander lernend. Im Zuge dieser Planungsrunden wurde intensiv mit den jeweiligen Nutzern am Gelände gesprochen und deren Rückmeldungen wieder in das Verfahren eingespeist. Den Planungsgruppen gegenüber stand ein Lenkungs- und Beurteilungsgremium, das Fragen stellte, Aussagen gewichtete und ihrerseits Ideen einbrachte. Eine eindeutige geistige Autorenschaft, wie es sie bei einem Konkurrenzverfahren gibt, kann es am Ende eines solchen Verfahrens nie geben. Als Grundlage für die weitere Bearbeitung hat das Beurteilungsgremium am Ende einige inhaltliche Empfehlungen für die weitere Bearbeitung festgehalten, wie beispielsweise eine Bebauung entlang des Heumarktes, die das Areal gegenüber dem Beethovenplatz räumlich fasst oder das Freihalten von Verbindungen parallel zur Lothringerstraße sowie zwischen Beethovenplatz und 3. Bezirk. Eine Aussage dabei ist auch, dass sich das Beurteilungsgremium in einem bestimmten Bereich einen schlanken Turm, in etwa im Maßstab des Ringturms vorstellen kann, fügt aber ebenfalls hinzu, dass man sich damit in einen Konflikt zum UNESCO-Welterbestatus begibt, auch wenn im Falle eines Abbruches des bestehenden Hotels Intercontinental so ein Turm die bestehenden Sichtachsen (Canaletto-Blick) weniger beeinträchtigen würde als die massive Wirkung der bestehenden Scheibe. Nun kann man darüber diskutieren, ob eine solche Aussage fachlich gerechtfertigt ist oder nicht, aber es ist mir doch wichtig festzuhalten, dass diese Aussage keine willkürliche Aussage eines Investors oder einer Politikerin war, sondern Ergebnis einer intensiven Befassung mit dem Thema, getragen von einer beträchtlichen Anzahl nationaler und internationaler Expertinnen und Experten. Diese Grundsätze, die in einer Publikation der Stadt Wien dokumentiert wurden und die ein Handlungsfeld aufspannen, wurden in der Stadtentwicklungskommission im April dieses Jahres als Rahmen für die weiteren Planungen zur Kenntnis genommen. Die nächsten Schritte werden die Bereitstellung noch notwendiger Untersuchungen sowie die Vorbereitung eines Wettbewerbes sein, der aus heutiger Sicht in zwei Stufen erfolgen soll, wobei in einer ersten Stufe das Schwergewicht auf der städtebaulichen Lösung liegen wird.

Kommen wir zum zweiten zentralen Vorwurf, nämlich jenem, dass die Stadt einem privaten Investor ohne entsprechende Gegenleistung und auf Kosten der Bevölkerung einen nicht gerechtfertigten Widmungsgewinn überlässt. Dazu ist zunächst einmal festzuhalten, dass Stadtplanung kein Kuhhandel ist, bei dem bauliche Entwicklungsmöglichkeiten gegen entsprechende finanzielle Zahlungen abgetauscht werden können. Das wäre nicht nur inhaltlich falsch, dem hat auch die Verfassung aus gutem Grund einen Riegel vorgeschoben. Wir haben derzeit in Wien noch nicht einmal die Möglichkeit, über städtebauliche Verträge den Widmungsbegünstigten an den Infrastrukturkosten, die durch die Umwidmung entstehen, zu beteiligen. Im § 1 der Wiener Bauordnung sind die Zielsetzungen definiert, die einen Anlass für eine Widmungsänderung darstellen. Meine Aufgabe als Stadträtin ist es, sicherzustellen, dass diese Zielsetzungen auch wirklich verfolgt werden und sie einen ausreichenden öffentlichen Nutzen darstellen. Dieser zusätzliche Nutzen wird aber nur teilweise monetär zu bewerten sein. Ich wurde im offenen Brief dazu aufgefordert, unmissverständlich für öffentliche Interessen Partei zu ergreifen. Das tue ich. Die Beseitigung der städtebaulichen Defizite habe ich anfangs schon erwähnt. Es liegt darüber hinaus im öffentlichen Interesse, eine innenstädtische Eisfläche nicht nur zu erhalten, sondern Möglichkeiten zur Attraktivierung dieser Wiener Besonderheit zu nutzen; es ist auch öffentliches Interesse, dass Wien als Ort für internationale Kongresse genutzt wird und dafür die entsprechenden Unterkunft- und Veranstaltungsräumlichkeiten bereit stehen; und es ist auch öffentliches Interesse, dass hochwertige Architektur den Status von Wien als Weltkulturerbe auch im 21. Jahrhundert fortschreibt. Diese Diskussion über das öffentliche Interesse bin ich gerne bereit zu führen. Aber eine vertragliche Bindung der Widmungsgewinne an konkreten Leistungen lassen die derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen nicht zu. Ich finde es daher nicht redlich, mich mit Forderungen zu konfrontieren, von denen man weiß, dass sie sich nur unter Gesetzesbruch erfüllen ließen.

Ich bin immer für ein Höchstmaß an Transparenz und Nachvollziehbarkeit eingetreten. Deswegen haben wir gerade an diesem sensiblen Ort die Diskussion über die städtebaulichen Zielsetzungen offen und nicht hinter gepolsterten Türen geführt. Je mehr Vorhaben öffentlich debattiert werden, desto eher wird es auch Missinterpretationen geben. Das liegt in der Natur der Sache. Was wir haben, ist ein Diskussionsstand und ich ersuche, diesen auch als solchen zu verstehen und nicht bereits als fertiges Ergebnis. Dass eine offen geführte Diskussion auch Kontroverse bedeutet, ist uns allen klar. Dialog entsteht überall dort, wo man die Kontroverse, die stets darauf fokussiert, was alles nicht geht, überwindet, um gemeinsam darüber zu reden, wie etwas gehen kann. In diesem Sinne freue ich mich auf den Dialog, der nun beginnt.

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Mag. Patrik Volf
Mediensprecher Vizebgmin Maria Vassilakou
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