TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Unberechenbare Natur", von Mario Zenhäusern

Ausgabe vom 3. Juni 2013

Innsbruck (OTS) - Die aktuelle Überschwemmungskatastrophe zeigt auf, wie notwendig Schutzbauten auf der einen und die ehrliche Diskussion über besiedelbare bzw. nicht besiedelbare Flächen auf der anderen Seite sind. Gerade in Tirol.

Was haben Land und Bund in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nicht alles unternommen, um die Hochwassergefahr in den Siedlungsräumen zu bannen oder zumindest zu minimieren? Millionen Euro haben Wildbach- und Lawinenverbauung bzw. die zuständigen Bezirkshauptmannschaften in Schutzbauten investiert, riesige Flächen wurden als natürliche Retentionsflächen ausgewiesen, Staudämme erhöht und befestigt. All das ist zu wenig, wie sich jetzt in aller Dramatik zeigt: Die Natur ist nicht beherrschbar.
Tagelanger Regen hat in allen Teilen Österreichs die Flüsse über die Ufer treten lassen. Hänge, vollgepumpt mit Wasser, sind regelrecht explodiert. Allein im Tiroler Unterland mussten die freiwilligen Helfer zu mehr als 100 Murenabgängen ausrücken. Die Wasser-, Schlamm-und Geröllmassen schwemmten alles weg, was ihnen im Weg stand:
Brücken, Autos, Häuser, Existenzen.
Das tatsächliche Ausmaß der Schäden wird sich erst in Tagen zeigen. Wenn der Regen endlich nachlässt, die Flüsse wieder zurückgekehrt sind in ihr Bett und der Schlamm, den sie mitgeführt haben, beseitigt ist. Umso wichtiger ist jetzt die rasche, unbürokratische und vor allem koordinierte Hilfe für alle Betroffenen. Das ist eine der Lehren aus den Katastrophen, von denen Tirol und Österreich in den letzten Jahren mehr als genug hatten. Die Überflutungen in allen Teilen des Landes zeigen zudem auf, wie sehr die Menschen gerade im Alpenraum auf Schutzbauten angewiesen sind. Und wie engstirnig, ja gefährlich angesichts der Ereignisse des vergangenen Wochenendes jeder Versuch ist, die finanziellen Mittel für die Errichtung ebendieser Schutzbauten zu kürzen, wie es zuletzt immer wieder geplant war.
Hundertprozentiger Schutz, das muss jedem klar sein, ist nicht möglich. Das entbindet die Verantwortlichen aber nicht davon, dort, wo es möglich ist, für größtmögliche Sicherheit zu sorgen - und dort, wo das nicht geht bzw. nur mit nicht zu rechtfertigendem Aufwand verbunden wäre, jede Form der Besiedlung zu verhindern. Das erfordert von allen Beteiligten Mut und die Bereitschaft, mitunter auch wirtschaftliche Interessen zu ignorieren. Die Abstimmung zwischen örtlicher Raumordnung und aktuellen Gefahrenzonenplänen ist in Tirol angesichts einer insgesamt besiedelbaren Fläche von nur knapp zwölf Prozent vielerorts ein Grenzgang. Aber ein notwendiger, wie die aktuelle Katastrophe einmal mehr zeigt.

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