Ärztekammer: Ausbildung an internationales Niveau anpassen

Zentrale Rolle der Allgemeinmediziner - Lehrpraxen vermitteln praktische Erfahrung

Wien (OTS) - Einmal mehr betont die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) die Notwendigkeit einer Ausbildungsreform für angehende Allgemeinmediziner. Den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten für Allgemeinmedizin komme in der anstehenden Gesundheitsreform eine zentrale Rolle zu, betonte ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger am Mittwoch bei einer Pressekonferenz: "Allgemeinmediziner entlasten die Spitäler, lotsen Patienten durchs Gesundheitssystem und begleiten ihre Patienten ein Leben lang. Die Aufgaben der Allgemeinmedizin erfordern nach internationalem Vorbild eine Ausbildung von hoher Qualität, in deren Zentrum eine verpflichtende einjährige Lehrpraxis und eine auf Ausbildungsinhalte konzentrierte Tätigkeit im Spital stehen müssen", führte Wechselberger aus. Die vom Gesundheitsministerium geplante Verordnung, die eine Verlängerung des Turnus im Spital vorsieht, sei ungenügend und bringe keine Verbesserung, sondern prolongiere die Schwächen der spitalslastigen Ausbildung angehender Haus- und Familienärzte. Wechselberger: "Es braucht eine gesetzliche Regelung, wenn die Ausbildung zur Allgemeinmedizin neu aufgestellt und verbessert werden soll. Eine Ausbildungskommission hat diesbezüglich im Auftrag des Gesundheitsministers Empfehlungen erarbeitet, die aber nicht berücksichtigt werden." So seien die Bestimmungen zur Lehrpraxis noch nicht zufriedenstellend: "Sechs Monate sind zu wenig. Es ist auch nicht zielführend, die Lehrpraxis im Spital zu absolvieren - das, was ein Allgemeinmediziner können muss, lernt er in einer allgemeinmedizinischen Ordination und nicht in einer hochspezialisierten Spitalsabteilung", sagte der Ärztepräsident. International seien ein- bis mehrjährige Lehrpraxen längst Standard, in den meisten europäischen Ländern erfolge die Finanzierung auch über die öffentliche Hand.

Wie umfassend die Aufgaben und das Wissensspektrum eines Allgemeinmediziners sein müssen, führte Reinhold Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM), aus. "Der Arbeitsauftrag der Allgemeinmedizin beinhaltet die primärärztliche Versorgung, die Funktion als Haus- und Familienarzt, Gesundheitsberatung und -förderung, gezielte Zuweisung zu Spezialisten, Koordinierung der Versorgungsebenen, kontinuierliche Dokumentation und schließlich die Integration von medizinischer Hilfe und die Anordnung wie Überwachung von Pflege", so Glehr. Allgemeinmediziner würden Patienten ein Leben lang begleiten und neben medizinischer auch psychische und soziale Hilfe leisten. Sie seien weiters darauf spezialisiert, gefährliche Krankheitsverläufe rechtzeitig zu erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen zu setzen. Glehr: "Die erlebte Anamnese und die Konfrontation mit einer Vielzahl von Krankheitsbildern führt zu unschätzbaren Erfahrungswerten in der Diagnose. Das kann man weder aus Büchern noch in einer Spitalsabteilung lernen."

Wie wichtig die praktische Erfahrung in einer allgemeinmedizinischen Ordination ist, bestätigte auch der Vertreter der Jungen Allgemeinmedizin Österreich (JAMÖ), Christofer Patrick Reichel. "Eine Lehrpraxis ist unerlässlich, um für eine Tätigkeit als Allgemeinmediziner ausgebildet zu sein bzw. direkt nach dem Turnus eine Vertretungstätigkeit entspannter anzugehen", erklärte Reichel. Zudem sei die Fächerverteilung im Turnus nicht mehr zeitgemäß. Reichel: "In der Ordination werde ich laufend mit orthopädischen und auch psychosomatischen Fragestellungen konfrontiert. Der Turnus bereitet darauf aber nicht vor." Es sei daher im Hinblick auf eine Ausbildungsreform unerlässlich, mit internationalen Standards gleichzuziehen. (slv)

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