Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 24. Mai 2013. Von MANFRED MITTERWACHAUER. "Einfach komplex".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Mit einem rigideren Kurs in Sachen Wohnungsanmietung will das Innsbrucker Sozialamt der Mietzinswucherei am privaten Markt Einhalt gebieten. Ein Kampf, den zu führen sich lohnen würde - aber nicht auf dem Rücken der Ärmsten.

Der private Wohnungsmarkt in Innsbruck gleicht schon seit Langem einem modernen Raubrittertum. Den Mietern wird abgeknöpft, was der Markt hergibt. Und das ist zurzeit sehr viel. Quadratmeterpreise von bis zu 20 Euro seien im Mietbereich keine Seltenheit, heißt es aus dem Büro von Sozialstadtrat Ernst Pechlaner. Doch auch diese Wohnungen gehen weg wie die warmen Semmeln. Kaum inseriert, schon vergeben - davon berichten die Sozialvereine, die zusammen mit ihren Klienten tagtäglich den Wohnungsmarkt durchkämmen.
Es ist die Nachfrage, die den Preis regelt. Und die Nachfrage ist in der Tiroler Landeshauptstadt groß. Einer Studentenstadt mit viel zu wenig Heimplätzen. Einer Stadt mit positiver Zuwanderungsbilanz, deren Warteliste für eine Sozialwohnung seit Jahren über der 2000er-Marke liegt - Tendenz steigend. Einer Stadt, die im Vergleich zu so mancher Landgemeinde bei der Mietzinsbeihilfe eben nicht auf der Bremse steht. Allein 2012 wurden 7563 Anträge gestellt und knapp 15 Beihilfemillionen ausbezahlt. Und einer Stadt, in der finanzstarke Kunden am Immo-Markt über Jahre mit Anlegerwohnungen geködert wurden. All das heizte den Wohnungsmarkt an. Zusätzlich zu den alten Problemen wie knappem öffentlichem Bauland oder kostentreibenden Bauauflagen für Stellplätze oder Energieeffizienz.
Das Sozialamt will nun mit der Mietzinswucherei aufräumen. Eine striktere Auslegung der im Tiroler Mindestsicherungsgesetz festgeschriebenen "ortsüblichen Mietkosten" soll es richten. Und die Vermieter am freien Wohnungsmarkt endlich zur Räson bringen. Quadratmeterpreise, die bar jeder Realität seien und um die es lediglich "eine Garagenbox" zu mieten gebe, werfen die Sozialvereine dem Sozialamt vor und schlagen Alarm. Zu Recht. Denn in erster Linie trifft dies die Armen, die Bezieher einer Mindestsicherung. Ihre Wohnungsnot wird prolongiert. Verfehlt werden jene, auf die man eigentlich abzielen will: die Vermieter. Diese bringen ihre Wohnungen schon weg. Wenn nicht heute, dann eben morgen. Pechlaner will Härtefälle verhindern, verspricht er und kündigt deshalb auch neue Gespräche an. Ein erster Erfolg für die Sozialvereine.
Dass die staatliche Finanzierung von Wohnraum für sozial Schwache nicht zum unbeschränkten Selbstbedienungsladen gieriger Immo-Haie verkommen darf, ist ein Gebot der Stunde. Hierzu bedarf es aber komplexerer Strategien als einfach jener, Hilfsbedürftigen die Wohnung zu verwehren.

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