Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Traum und Alptraum zugleich"

Ausgabe vom 17. Mai 2013

Wien (OTS) - Wir Menschen sind Mängelwesen. Leider nicht nur in moralischer Hinsicht, sondern auch mit Blick auf unsere körperliche Hinfälligkeit. Letztere so weit wie irgend möglich hinauszuzögern, ist das große Versprechen der menschlichen Genforschung. Deren Möglichkeiten, die mit jedem einzelnen Forschungserfolg größer werden, rütteln an unserem Bild vom Menschen und seiner Würde. Und das Klonen von Menschen bleibt Traum und Alptraum zugleich.

Dabei sollte man sich über die Wirksamkeit einer rigiden Gesetzgebung keinen Illusionen hingeben: In Österreich und Deutschland bestimmt die gemeinsame nationalsozialistische Vergangenheit, in der auch die Wissenschaft die Menschenwürde mit Füßen getreten hat, die Grenzen des Akzeptierten: Das Klonen menschlicher Zellen ist hier verboten.

Andere Länder stellen die Möglichkeiten dieser Technologie in den Vordergrund. Rückenmarksverletzungen, multiple Sklerose oder Parkinson könnten mit ihrer Hilfe dereinst geheilt werden. Ein ungeheurer Traum für Millionen.

Eine solche Zukunft in Möglichkeitsform lässt sich nicht per Gesetz verbieten. Und wohl auch nicht per moralischem Tabu. Nicht alle Kulturen betrachten es als Sündenfall, dass Adam von Eva verführt wurde, vom Apfel der Erkenntnis zu kosten. Unstillbare Neugier hat uns Menschen zweifellos immerzu neue Horizonte eröffnet. Hinter manchen hat sich ein Abgrund aufgetan, andere wiederum erwiesen sich als Sackgasse, der große Rest jedoch schuf die Pyramide an ungeheurem Wissen, von dem wir heute zehren.

Auf Verboten zu beharren, ist demnach - und nach Kenntnis der menschlichen Natur - nicht wirklich eine realistische und sinnvolle Reaktion auf die großen Versprechungen der Genforschung. Ziel muss es sein, den Traum von der Heilung bislang unheilbarer Krankheiten zu leben und den Alptraum des Menschenklonens in die Schranken zu weisen.

Für die Politik bedeutet das, den rechtlichen Rahmen für diese moralisch prekäre Forschung flexibel zu halten. Es ist das Privileg moralischer Institutionen wie der Kirchen, sich auf die Gefahren zu konzentrieren und ethische Prinzipien zur Leitlinie ihres Handelns zu erklären. Politik darf dagegen nicht die Augen vor den Möglichkeiten verschließen. Mit gesunder Skepsis und im Wissen, dass unsere Neugier uns auch in den Abgrund führen kann.

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