Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 15. Mai 2013. Von ALOIS VAHRNER. "Schwarz-grünes Hoffnungsprojekt".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Mit der gestrigen Unterzeichnung des schwarz-grünen Koalitionspakts betritt Tirol Neuland. Die neue Regierung startet ambitioniert und mit einigen Vorschusslorbeeren. Ob das Projekt funktioniert, muss sich erst herausstellen.

Diese Tiroler Landtagswahl hat tatsächlich einen Umbruch gebracht, aber einen anderen als von vielen erwartet. LH Günther Platter wurde nicht abgewählt, sondern trotz leichter Stimmenverluste deutlich gestärkt. Die Liste Fritz wurde zur Kleinpartei dezimiert. Vorwärts Tirol blieb klar unter den eigenen Erwartungen, die als Landeshauptfrau-Kandidatin plakatierte Anna Hosp sitzt nicht einmal im Landtag. Bei der FPÖ gibt es einen Obmannwechsel, und die SPÖ muss ihr Ausscheren bei der letzten Agrar-Landtagssitzung und ihre Ansagen gegen "die dunkle Seite der Macht" auf der Oppositionsbank bitter büßen.
Während dieses Oppositionsquartett wohl noch einige Zeit seine Wunden lecken muss, starten Schwarz und Grün in eine mit viel Spannung erwartete Koalition. Eine Konstellation, die bisher nicht nur in Umweltfragen stets für Spannungen gut war. So lange ist es noch nicht her, dass die Grünen das "System Platter" als angebliches Synonym für Seilschaften, Freunderlwirtschaft und Machtmissbrauch geißelten. Im Wahlkampf wurde in grünen Kinospots noch gegen "Profitgeier" und "Baulöwen" zu Felde gezogen, gleichzeitig wurden die Töne Platter gegenüber zunehmend milder.
Dieser favorisierte trotz der vorprogrammierten Schwierigkeiten schon länger das schwarz-grüne Projekt und hat mittlerweile auch viele, zunächst skeptische Funktionäre auf seine Seite gezogen. Und die Grünen wollen nach langer Opposition auch in Tirol endlich mitbestimmen.
Schwarz-Grün bedeutet nach der Dauerkoalition mit der SPÖ eine echte Zäsur. Dass Letztere der Volkspartei mehr an Zugeständnissen (etwa bei der Weisungsfreiheit des Umweltanwalts, bei Groß- und Umweltprojekten, den Agrargemeinschaften und beim öffentlichen Verkehr) abgerungen hätte, kann nach bisherigen Erfahrungen wohl ausgeschlossen werden.
Das Projekt Schwarz-Grün ist ambitioniert, aber auch riskant. Da regieren künftig zwei miteinander, die das wirklich wollen. Ob sie es auch gemeinsam können, muss sich erst herausstellen. Tirol wartet schon lange auf die Lösung von Dauerproblemen wie den Agrargemeinschaften oder dem teuren Wohnen, gleichzeitig soll das Land wirtschaftlich stärker, sozialer, ökologischer und offener gemacht werden. Das ist ein ziemlicher Spagat. Ob es funktioniert, hängt davon ab, ob die beiden Parteien nur den kleinsten gemeinsamen Nenner (der wäre in diesem Fall noch kleiner als bei Schwarz-Rot) oder doch ein gemeinsames Vielfaches suchen - was dann umso lohnender sein kann.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001