Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Apis mellifera"

Ausgabe vom 8. Mai 2013

Wien (OTS) - Die "Westliche Honigbiene" (im Titel ihre wissenschaftlich korrekte Bezeichnung) ist ein Symbol für Fleiß und die Bildung eines arbeitsamen, wohlhabenden Staates. Nikolaus Berlakovich tat also gut daran, seine - in diesem Fall völlig unmaßgebliche - Meinung zum Einsatz von bestimmten Pestiziden zu ändern. Die EU spricht das Verbot sowieso aus, Berlakovich war von Beginn an in einer Minderheit. Aber schön, dass er seine Ansicht geändert hat, die ÖVP kann das beim "Bienen-Gipfel" formulierte Pestizidverbot im Agrarausschuss des Nationalrates am 15. Mai eindrucksvoll bestätigen.

Daran hätte auch der arbeitsame, wohlhabende Staat seine Freude. Der Landwirtschaftsminister argumentierte seine ursprüngliche Ablehnung des Pestizidverbots mit einem drohenden Mindererlös für die Landwirtschaft in Höhe von "50 bis 60 Millionen Euro". Grund: Manche Raps-, Mais- und Erbsenfrüchte gedeihen nur noch, wenn dieser Pflanzenschutz eingesetzt wird.

Die Biene hilft ihm auch aus dieser Notlage. Ihr volkswirtschaftlicher Nutzen aus der Bestäubung der Kulturpflanzen liegt in Österreich bei mindestens 200 Millionen Euro, EU-weit sollen es 14,4 Milliarden sein.

Und sollte dem Landwirtschaftsminister das immer noch zu wenig sein, so sei er auf den Rechnungshofbericht sein Ministerium betreffend verwiesen. Da könnte gespart werden. Das "land-, forst- und wasserwirtschaftliche Rechenzentrum" (LFRZ) hat für die Homepage und sonstige Leistungen des Ministeriums in den vergangenen zehn Jahren mehr als 70 Millionen Euro erhalten. Innenrevision und die (parallel existierende) IT-Abteilung des Ministeriums waren darin nicht eingebunden.

Das Schöne am LFRZ ist, dass es sich dabei um einen Verein handelt, der vom Landwirtschaftsministerium gegründet wurde. Spitzenbeamte des VP-geführten Ministeriums sind die Eigentümer des Rechenzentrums, das von Aufträgen desselben Ministeriums lebt. Die Praxis wird seit 2001 vom Rechnungshof gerügt, geändert hat sich bisher nichts. Warum das für den öffentlichen Dienst gegründete Bundesrechenzentrum das nicht ebenso gut, vielleicht sogar billiger, erledigen kann - wir wissen es nicht.

Da ist es gut, dass die Österreicher wie die Bienen einen arbeitsamen, wohlhabenden Staat gebildet haben. Die Hände im Honigtopf haben leider vergleichsweise wenige.

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