Ärztekammer unterstützt Maßnahmen für verbesserte Versorgung von Migranten

Übergewicht und psychische Erkrankungen sind häufige Beschwerden

Wien (OTS) - Bei der medizinischen Versorgung von
Migranten ergeben sich vielseitige Probleme, wie erst kürzlich im Rahmen des 2. Migrationssymposiums in Wien von Experten bekräftigt wurde. Die Wiener Ärztekammer fordert nun verstärkte Forschungsmaßnahmen, kultursensible Präventionsmaßnahmen sowie spezifische Behandlungsprogramme für Migranten. ****

"Wissenschaftliche Erhebungen zeigen, dass bei Menschen mit Migrationshintergrund die Anzahl an Übergewichtigen und an Diabetes Erkrankten steigt, Tuberkulose besonders häufig auftritt und vor allem psychische Erkrankungen überproportional hoch vertreten sind. Auch die Zahl von Rauchern und Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist unter den Migranten ansteigend. Hinzu kommt noch eine schlechte Impfabdeckung bei Migranten der ersten Generation", schildert Ursula Wiedermann-Schmidt, Organisatorin des Migrationssymposiums und Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien, die Situation.

"Haben Menschen einen Migrationshintergrund, so kann dies negative Auswirkungen auf ihre gesamte Gesundheit haben", so Wiedermann-Schmidt. Die Ursachen sind vielschichtig. "Migranten sind oft schlechter informiert über das Gesundheitssystem und über Behandlungsmethoden und nehmen Präventionsprogramme und Gesundheitsförderungen weniger häufig in Anspruch. Außerdem stellen Sprache und kulturelle Unterschiede Barrieren zu den Regelangeboten des Sozial- und Gesundheitswesens dar." Gerade aber mangelnde Bildung und Sprachbarrieren hätten eine deutlich geringere Compliance bei der Medikamenteneinnahme sowie bei Lebensstiländerungen zur Folge.

Persönlichkeitsstörungen nach extremen Belastungen

Traditionelle Verhaltensweisen spielen beispielsweise bei der Ernährung eine wichtige Rolle und sind oft die Ursache für Übergewicht. Vor allem Frauen mit Migrationshintergrund und Kinder mit beidseitigem Migrationshintergrund sind häufiger adipös. Auch die Krankheitshäufigkeit von Diabetes ist bei Migrantinnen erhöht. Sie liegt bei 10 Prozent. Zum Vergleich: Bei Österreicherinnen ohne Migrationshintergrund sind es lediglich 5 Prozent. Dies zeigten Untersuchungen, die unter anderem an der Medizinischen Universitätsklinik für Innere Medizin III im AKH durchgeführt wurden.

Auswertungen der Statistik Austria zeigen weiters, dass Personen ausländischer Herkunft häufiger von chronischer Angst und Depression betroffen sind als österreichische Staatsangehörige. Während es bei Österreichern 7 Prozent sind, liegt der Wert bei Personen mit ausländischer Herkunft bei 12 Prozent. "Migranten haben oft unter akuten Belastungsreaktionen als Folge von Auflösung von Familienverbänden und Heimweh, aber auch durch Gewalterfahrung in der Familie, in der Peergruppe oder in der Aufnahmegesellschaft, zu leiden. Auch andauernde Persönlichkeitsänderungen nach extremen Belastungen können auftreten", fasst Wiedermann-Schmidt wesentliche Inhalte des Symposiums zusammen.

Sprachbarrieren als Ursache für Non-Compliance

Um die Situation zu verbessern, sei es in erster Linie wichtig, Sprachbarrieren abzubauen und die soziokulturellen Hintergründe in der Arzt-Patienten-Beziehung zu berücksichtigen, ergänzt der Wiener Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres. "Darauf aufbauend können dann kultursensible Präventionsmaßnahmen und spezifische Behandlungsprogramme entwickelt werden."

Für Szekeres sind Sprachbarrieren ein wesentliches Hindernis für eine erfolgreiche Arzt-Patienten-Beziehung. Versuche, diese Sprachbarrieren zu überwinden, gebe es zahlreiche. "Kinder als Übersetzer einzusetzen ist jedenfalls die schlechteste Lösung." Kinder würden damit psychischen Belastungen ausgesetzt, und oft liege das zu übersetzende Vokabular außerhalb ihres Erfahrungs- und Ausdruckshorizonts. Es gelte, Projekte und Maßnahmen zu unterstützen, die Migranten helfen, diese Sprachbarrieren wirksam zu überwinden, so Szekeres.

Weltweit weitverbreitet ist Videodolmetschen. Auch in Österreich wird dazu demnächst ein Pilotprojekt für die Sprachen Türkisch und BKS (Bosnisch-Kroatisch-Serbisch) unter der Leitung von Maria Kletecka-Pulker vom Institut für Ethik und Recht in der Medizin gestartet.

Parallel dazu fordern Wissenschafter der Medizinischen Universität Wien vom Center For Geographic And Migration Medicine und des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin vor allem eine Verbesserung der Datenlage durch die Berücksichtigung des Migrationshintergrunds in offiziellen Statistiken und Daten des Gesundheitswesens. (ssch)

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