Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 26. April 2013. Von CHRISTIAN JENTSCH. "Berlusconi und die schwachen Männer".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der Sozialdemokrat Enrico Letta soll Mitte-Links und Silvio Berlusconi in einer Regierung zusammenspannen. Ein Hochseilakt für ihn und seine Partei. Der totgesagte Berlusconi hingegen wittert Morgenluft.

Die wirtschaftlich und politisch in Schieflage geratene drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone hat wieder Hoffnung geschöpft. Der 87-jährige Ex-Kommunist Giorgio Napolitano als überraschend wiedergewählter Staatschef will die Lähmung Italiens endlich beenden und der Politik Beine machen. Richten soll es kein politisches Schwergewicht, sondern mit Enrico Letta als stellvertretender Chef der sozialdemokratischen "Demokratischen Partei" (PD) ein Kompromisskandidat. Er soll als neuer Regierungschef eine große Koalition aus Mitte-Links, Mitte-Rechts und dem Zentrumsblock des scheidenden Premiers Mario Monti zusammenzimmern. Letta ist zwar einer aus dem moderat linken Lager. Aber auch einer, der mit dem Stehaufmännchen Silvio Berlusconi, der politisch bereits einige Tode gestorben ist, kann. Mit einem Berlusconi, der trotz Sexskandalen, Korruptionsaffären und einer Lawine von Prozessen nach seinem starken Abschneiden bei den Parlamentswahlen von Ende Februar wieder Rückenwind verspürt und laut Umfragen im Falle von Neuwahlen mit seiner Partei "Volk der Freiheit" gar als stärkste Kraft hervorgehen würde.
Letta muss das Unmögliche möglich machen. Er muss das Mitte-links-Lager mit Silvio Berlusconi zusammenspannen. Und in Lettas "Demokratischer Partei" schrillen bereits die Alarmglocken. Eine Regierung mit Berlusconi ist für viele Politiker und Anhänger der sozialdemokratischen PD schlicht und einfach denkunmöglich. Die Gefahr, dass Letta das Experiment auch innerparteilich nicht überlebt, ist groß. Der neue Hoffnungsträger der Linken, der Bürgermeister von Florenz Matteo Renzi, soll in der neuen Regierung -so sie zustande kommt- jedenfalls nicht verheizt werden.
Und Silvio Berlusconi will auf der anderen Seite alles andere als klein beigeben. So beansprucht der Cavaliere im neuen Kabinett für seine Partei das Amt des Justizministers. Schließlich hat Berlusconi in laufenden Prozessen viel zu verlieren - "Ruby-Gate" und Co. lassen grüßen. Und auch das Industrie- und Telekommunikationsressort will er in seinen Händen wissen. Schließlich soll sein weitverzweigtes Medienimperium in trockenen Tüchern bleiben.
Berlusconi könnte es in der neuen Regierung mit nicht besonders starken Männern zu tun bekommen. Und seine Ziele vorantreiben. Auf der anderen Seite droht Mitte-Links zu zerbröseln. Italiens politische Zukunft erinnert an die Vergangenheit.

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