DER STANDARD-Kommentar: "Im Lustschauer des Alarmismus" von Christoph Prantner

"In den USA geben Terroristen, Freaks und Fundamentalisten die Politik vor"; Ausgabe vom 19.04.2013

Wien (OTS) - Es ist ein weites Feld aus Angst und Schrecken, das dieser Tage in den Vereinigten Staaten von Amerika zur Bestellung steht. Verschwörungstheorien, Verfolgungsfantasien und echte Bedrohungen schießen dort ins Kraut - wild durcheinander und kaum auseinanderzuhalten.
Es gab die Bomben von Boston, tödliche Giftbriefe an Politiker, eine Feuersbrunst nahe Waco. Ob nun terroristische Energie dahintersteckt, dunkle Erinnerungen an mörderische Sektierer oder schlichtweg Zufall - diese Fälle stehen für ein Land im Lustschauer des Alarmzustands, ein Land, in dem die Stimme der Vernunft zwischen all dem Geklapper und Geplapper einer von hyperventilierenden Nachrichtenkanälen getriebenen Gesellschaft kaum noch vernehmbar ist.
Auf dem Kapitol jedenfalls hat sie sich zuletzt nicht ausreichend zu Gehör gebracht. Das Minimalprogramm, um Schusswaffen in den USA einigermaßen zu kontrollieren, ist im Senat glatt durchgefallen. Dieses - das steht schlechterdings fest - würde mörderische Gewaltexzesse nicht notwendigerweise verhindern können (genauso wenig wie es eine bis an die Zähne bewaffnete Gesellschaft kann, wie Waffenlobbyisten gerne insinuieren). Die genauere Überprüfung von Waffenkäufern könnte aber sehr wohl jene Verwirrten und mental Instabilen auf den Radarschirm bringen, die zuletzt in einer Schule in Newtown, in einem Kino in Colorado oder bei Gabrielle Giffords' Wahlkampfauftritt in Arizona Massenmorde begangen haben.
Barack Obamas Einschätzung, dass sich ein guter Teil Amerikas "an Gewehre oder Religion krallt", um möglichst wenig irritiert durchs Leben zu schlittern, kostete ihn 2008 beinahe die Präsidentschaftswahl. Fünf Jahre und einen wiedergewählten intellektuellen Präsidenten später ist jene grassierende fundamentalistische Unvernunft, für die die Tea-Party-Bewegung steht, nicht kleiner geworden in den USA. Im Gegenteil: Auf dem Nährboden dieses Eiferertums gedeihen Hysterie und kollektive Neurosen prächtig. So gut, dass bereits - mutmaßlich - meschuggene Elvis-Imitatoren - mutmaßlich - Rizin-Post ins Weiße Haus schicken. "Return to Sender", diese Nummer ist auf dieser Platte nicht vorgesehen.
Diese grundsätzliche Abwendung vom Staat und seinen Institutionen zeitigt in Washington eine unerbittliche Kompromisslosigkeit genau dann, wenn Vernunft und Kompromisse gefragt wären: beim Waffenrecht, in der Budgetpolitik, in der Gesundheitsreform und womöglich auch in Einwanderungsfragen. Weil viele auch auf dem Kapitol der grassierenden Alles-oder-nichts-Mentalität das Wort reden, ist es nicht verwunderlich, dass das amerikanische Gemeinwesen auch in der zweiten Amtszeit Obamas wie gelähmt wirkt. Terroristen, Freaks und Fundamentalisten bestimmen die Agenda, den Rest erledigen die News-Networks.
Wohin Amerika in dieser Atmosphäre gehen wird, ist nicht absehbar. Der sichtbare Ärger eines Präsidenten allein, der von seinen Senatoren wie bei der Waffenabstimmung im Stich gelassen wird, wird nicht ausreichen, um wieder auf einen Pfad der Politik zurückzufinden, auf dem Amerika wieder zu so etwas wie einer ideologischen Führungsmacht des Westens wird. Dafür müsste wohl ein neuer Amerikanischer Traum her, der den Großteil der Amerikaner auch anspricht. Aber den hat selbst der talentierte Mr. Obama bisher nicht entfachen können.

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