"DER STANDARD"-Kommentar: "Die Spiele müssen weitergehen" von Christoph Prantner

Der Terrorismus verliert, wenn die Gesellschaft maßvoll mit ihm umgeht (ET 17.04.2013)

Wien (OTS) - Es war ein Satz, der viele empörte. Nachdem der palästinensische Kommandotrupp "Schwarzer September" am Morgen des 5. Sep_tember 1972 in München die israelische Olympiamannschaft überfallen, Geiseln genommen und ein Blutbad am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck schließlich 17 Menschen das Leben gekostet hatte, sagte Avery Brundage seine fünf berühmt gewordenen Worte: "The games must go on." Auch wenn 80.000 Menschen bei der Gedenkfeier im Olympiastadium dem Präsidenten des IOC damals demonstrativ Beifall spendeten, befanden es viele Kritiker als pietätlos und unangebracht, nach dem Massaker wieder zur Tagesordnung überzugehen - so als ob nichts geschehen wäre.

Heute gilt "München '72" als eine Art Geburtsstunde des modernen, mediengerecht inszenierten Terrorismus. Die Angreifer hatten verstanden, dass ihre Botschaft der Gewalt erst an Wucht gewinnen würde, wenn diese einem Milliardenpublikum über die TV-Schirme in deren Wohnzimmer geliefert wird. Und heute, nach der jüngsten Attacke auf den Marathonlauf in Boston, steht wie damals fest: Wer der Furcht keinen Raum geben will, der muss möglichst normal mit dem Leben weitermachen. Wer vereiteln will, dass Attentäter - welcher Couleur und Ideologie auch immer - ihre Ziele erreichen, der darf auch nach noch so barbarischen Angriffen nicht auf fundamentalistische Weltanschauungen einschwenken.

Nach dem 11. September 2001 haben die USA genau das nicht beherzigt. George W. Bush rief den "Krieg gegen den Terrorismus" aus, so als ob sich gegen die Saat der Angst tatsächlich Krieg führen ließe. Unter Bushs Flagge wurden Freiheits- und Bürgerrechte der Menschen in Amerika und anderswo beschnitten. Noch heute müssen wir alle an Flughäfen unsere Schuhe ausziehen, an den Trinkflaschen unserer Kinder nippen und bei der Einreise in die USA wie Schwerverbrecher Fingerabdrücke und Fotografien abgeben.

Die Sicherheit, die solche Maßnahmen vorgaukeln, gibt es nicht. Das hat Boston einmal mehr bewiesen - wer auch immer dahintersteckt. Und man muss hoffen, dass Barack Obama nach dem ersten blutigen Bombenattentat auf amerikanischem Boden nach beinahe zwölf Jahren besonnen bleibt.

Als gutes Beispiel mag ihm die Reaktion der Norweger auf die Attentate in Utoya und Oslo 2011 dienen. Sie haben auf das unbegreifliche Massaker, das Anders Behring Breivik damals anrichtete, demonstrativ mit noch mehr Toleranz, mit noch mehr Offenheit und noch mehr zivilisierter Debatte reagiert. Sie haben verstanden, dass man all den bombenlegenden Feinden der Freiheit in der Welt nicht nur staatliche Repression und scharfe Strafverfolgung entgegenhalten, sondern vielmehr mit noch mehr freiheitlicher Gesinnung und Unerschrockenheit begegnen muss.

Für alle, die wie nun in Boston zu Schaden oder gar zu Tode gekommen sind, mag das eine fast unmenschliche Übung sein. Eine andere Option, eine demokratische Alternative dazu gibt es aber nicht. Oder, um es noch einmal mit Avery Brundage zu sagen: "Wir verfügen nur über die Kraft eines großen Ideals. Ich bin überzeugt, dass die Weltöffentlichkeit mit mir einer Meinung ist, dass wir es nicht zulassen können, dass eine Handvoll Terroristen diesen Kern internationaler Zusammenarbeit und guten Willens zerstört, den die Olympischen Spiele darstellen."

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