Bessere Chancen auf Weiterbildung für alle

Niederländische Betriebe finanzieren Weiterbildung aus Umlagefonds - ein Modell auch für Österreich?

Wien/Graz (OTS) - Betriebliche Weiterbildung hat einen hohen Stellenwert in Österreich, 87 % der Unternehmen sind laut neuesten Auswertungen von Statistik Austria weiterbildungsaktiv und damit europaweit Spitzenreiter. Vor allem große und wissensintensiv arbeitende Betriebe investieren in die Fähigkeiten ihrer MitarbeiterInnen, während die Angestellten kleinerer Betriebe oder auch gering Qualifizierte weniger Chancen auf Weiterbildung haben. Wie man für einen gerechteren Zugang zu betrieblicher Bildung sorgen kann, zeigt das aktuelle "Magazin erwachsenenbildung.at" am Beispiel niederländischer Weiterbildungsfonds für Unternehmen. Experten der Sozialpartner sehen das Modell ambivalent: Michael Tölle (AK Wien) hält die Auseinandersetzung mit umlagefinanzierter Weiterbildung für lohnend. Thomas Mayr (WKO) hingegen sieht dadurch die selbstverantwortete Weiterbildungskultur der Unternehmen gefährdet.

Fonds sollen Weiterbildungsausgaben krisenresistenter machen

Carola Iller, seit dem Vorjahr Professorin für Erwachsenenbildung und Lifelong Learning an der Universität Linz, geht in der aktuellen Ausgabe der Open Access Zeitschrift "Magazin erwachsenenbildung.at" gemeinsam mit einem Kollegen der Frage nach, wie eine gesellschaftliche Steuerung der betrieblichen Weiterbildung möglich ist und beschreibt als kooperativen Ansatz das Beispiel tariflicher Weiterbildungsfonds in den Niederlanden.

In Folge einer rezessiven Phase Ende der 1970er Jahre suchte man dort nach einem Weg, um Unternehmen und Beschäftigte weniger anfällig für konjunkturelle Entwicklungen zu machen. Seither zahlen Unternehmen pro Mitarbeitenden einen Betrag - anfänglich waren es 10 Gulden - in einen Fonds ein, aus dem dann die Aus- und Weiterbildungsaktivitäten der Unternehmen bezahlt werden. Der Staat schießt zeitlich befristete Projektfördermittel zu, auch Gelder des Europäischen Sozialfonds werden über die Fonds verwaltet. Durch die umlagefinanzierte Ausgleichsregelung beteiligen sich alle Unternehmen an der Finanzierung. Wer in die Weiterbildung der eigenen MitarbeiterInnen investiert, erhält aus den Fonds eine gesellschaftliche Kompensation.

Experten zwischen Bejahung und Sorge

Michael Tölle von der Arbeiterkammer Wien steht der Fondslösung, die im Fall der Niederlande immerhin 9 von 10 Beschäftigen betrifft, sehr positiv gegenüber. "Für Österreich wäre ein Modell der umlagefinanzierten Weiterbildung unter Einbindung der Sozialpartner denkbar." Allerdings sei eine nationale und keine sektorale Lösung wie in den Niederlanden zu bevorzugen, wo es weit über hundert Einzelfonds gibt. "Für ein kleines Land wie Österreich macht nur ein einheitlicher Fonds Sinn, der alle Unternehmen umfasst und nicht immer wieder neu auszuhandeln wäre". Gleichzeitig müsse geregelt werden, in welchem Umfang Mitarbeiter jährlich mindestens für Weiterbildung freigestellt werden. Nähme man etwa Frankreich zum Vorbild, wo es ebenfalls ein Fondsmodell gibt, wären dies 20 Stunden pro Jahr.

Thomas Mayr aus der Abteilung Bildungspolitik der Wirtschaftskammer Österreich sieht wegen der ohnehin guten Einbindung der Sozialpartner in die Steuerung der beruflichen Bildung wenig Anlass, auf das Fondsmodell zu setzen. Die Erfahrungen aus Frankreich zeigten laut Mayr, dass die Betriebe mit den Ergebnissen umlagefinanzierter Weiterbildung nicht zufrieden seien. "Die Sozialpartnerinstitute WIFI und BFI sind Marktführer beim Weiterbildungsangebot und arbeiten bedarfsorientiert." Das sichere effiziente Weiterbildung und das Ergebnis passe. Bildungsfonds hingegen würden die ausgleichende Equitylogik der selbstverantwortlichen Effizienzlogik vorziehen und damit die Motivation der Betriebe untergraben. "Die Unternehmen sollen selbst entscheiden, wer sich weiterbilden darf. Equity im Sinne von Förderungen für Ältere, Wiedereinsteigerinnen und Bildungsferne usw. sollte aber von der öffentlichen Hand kommen".

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Die Untersuchung von Iller/Moraal ist nachzulesen im aktuellen "Magazin erwachsenenbildung.at" unter
http://erwachsenenbildung.at/magazin und kann dort kostenlos
heruntergeladen werden.

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