"Der Papst und das Ende der Herrschaft Europas", OÖNachrichten-Leitartikel von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 15. März

Linz (OTS) - Globalisierung, dieses Schimpfwort der Kapitalismuskritik macht vor der katholischen Kirche nicht halt. Die Welt gehört nicht mehr dem weißen Mann allein, die Bevölkerungsexplosion verschiebt Gewichte in die Dritte Welt, vierhundert Jahre Vorherrschaft Europas gehen zu Ende, seine Bevölkerung schrumpft auf ein Zehntel der Weltbevölkerung.
Dieses Phänomen, dass der Rest der Welt an Masse und Einfluss gewinnt, kommt nun erstmals an der Spitze der katholischen Kirche zum Ausdruck. Ein Südamerikaner ist Papst, und es spricht für die Hetze und den Zeitdruck, dem wir alle unterworfen sind, dass aus den Gesten und der bisherigen Biografie von Franziskus versucht wird, sein künftiges Handeln abschätzen zu können, ehe der neue Papst überhaupt die erste Tat gesetzt hat. Dieses Orakeln spricht für eine gewaltige Erwartungshaltung, die sich in der katholischen Kirche aufgebaut hat. Die von Rom beherrschte Kirche ist eine Weltkirche geworden, sie hat sich "globalisiert", dem Schrumpfen in Europa steht ein Aufschwung in Afrika, Asien und in Lateinamerika, dem Kontinent des neuen Papstes, gegenüber.
Dementsprechend unterscheiden sich die Erwartungen. In Europa wird um die Modernisierung der Kirche gerungen. Aufhebung des Zölibates, Sexualmoral, Umgang mit Geschiedenen sind Schlagworte dazu. Auf der südlichen Seite des Globus rückt an deren Stelle der Wunsch nach Bekämpfung der Armut. Dort brauchen die Leute die Kirche als jene Organisation, die sich weltweit am intensivsten um die Ärmsten kümmert. In Europa hingegen scheint es so, dass immer mehr Leute die Kirche - oder besser gesagt, "diese Kirche" - nicht mehr brauchen. Das kann auch bedeuten, dass es den Leuten hier sehr gut geht.
Kann eine einzelne Person wie der Papst, die mit den Vollmachten eines Absolutisten ausgestattet ist, diese völlig unterschiedlichen Ansprüche an eine Institution unter einen Hut bringen? Sicher nicht! Der römische Zentralismus ist überfordert und an einen Endpunkt gelangt. Die Hoffnung, die der Papst nährt, liegt darin, dass er die Eigenständigkeit der Bischöfe und der Diözese fördern kann, indem er Autonomie und Kollegialität gewährt und die auf ihm lastende Verantwortung teilt. An dieser Herausforderung kann der neue Papst wachsen, allerdings auch scheitern.

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