Weltnierentag 2013: Über 2 Millionen Österreicher unterliegen dem Risiko einer chronischen Niereninsuffizienz

Wien (OTS) - Der Weltnierentag am 14. März soll das Bewusstsein für die Bedeutung der Nieren, einem auch in Österreich oft vergessenen Organ, schärfen. Ziel ist, die Häufigkeit und die Auswirkungen von Nierenerkrankungen sowie damit verbundene gesundheitliche Problemen weltweit zu reduzieren. Die Experten der Österreichische Gesellschaft für Nephrologie (ÖGN) arbeiten auf nationaler und internationaler Ebene an der dringend notwendigen Optimierung der Nierenversorgung, die über 2 Millionen Risikopatienten im Land betrifft und langfristig ein hohes Kosteneinsparungspotenzial bringt. Als wesentlicher Schritt wird eine regelmäßige Untersuchung der Risikopatienten gefordert, denn bei einer rechtzeitigen Erkennung und Behandlung der Nierenerkrankungen, lässt sich das Fortschreiten des Nierenfunktionsverlustes aufhalten oder zumindest verzögern.

Das Hauptproblem rund um die Versorgung der Niere ist die Tatsache, dass Nierenerkrankungen oft zu spät erkannt werden. Dies hat mehrere Ursachen: Zunächst verspüren die Patienten keine Schmerzen, wenn das Organ seine Leistungsfähigkeit verliert, Symptome treten erst auf wenn das Organ irreversibel geschädigt ist. Hauptursachen für die Entwicklung einer Niereninsuffizienz sind Diabetes, Bluthochdruck und die zusätzlich damit einhergehende Multimedikation und oftmalige nephrotoxische Medikation.

Über 2 Millionen Österreicher leiden an Bluthochdruck oder Diabetes und sind dadurch einem hohen Risiko einer Verschlechterung der Nierenfunktion ausgesetzt. Univ.-Prof. Dr. Erich Pohanka, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Nephrologie und Vorstand der Abteilung Interne 2 am AKh Linz, zur Bedeutung des rechtzeitigen Erkennens einer verminderten Nierenfunktion: "Abgesehen davon, dass ein Nierenversagen mit Dialysepflichtigkeit das Leben der Patienten wesentlich beeinträchtigt, erhöht sich generell das Erkrankungs- und das Mortalitätsrisiko bereits bei einer Nierenfunktionseinschränkung auf unter 60 Prozent. Je weiter die Nierenfunktion abnimmt, umso höher wird das Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen, was auch zu einer Beteiligung anderer Organe führt. Dementsprechend steigt auch die Anzahl der Krankenhausaufenthalte. Es ist also die primäre Aufgabe, Risikopatienten zu untersuchen und jene mit einer Nierenfunktion unter 60 Prozent herauszufiltern."

Chance Gesundheitsreform - Vorfelddiagnostik zur Früherkennung und bundesweit einheitliches Vorgehen in der Therapie gefordert
Da ab 2014 die Gesundheitsreform in den Ländern umgesetzt wird, ist nun der richtige Zeitpunkt, um Maßnahmen der Früherkennung bei Risikopatienten maßgeblich zu beeinflussen. Zunächst ist es aus Sicht der Nierenexperten wichtig, die Allgemeinmediziner für eine regelmäßige Überprüfung der Nierenfunktion bei Risikopatienten zu sensibilisieren. Die Patienten mit einer Leistungsreduktion der Niere kommen in einem sehr späten Stadium zum Spezialisten ins Spital, meist ist eine Nierenersatztherapie (Hämo- oder Bauchfelldialyse bzw. Nierentransplantation) die einzige Rettung. Eine Dialyse ist sowohl kostenintensiv (pro Patientenjahr 60.000 Euro), als auch für den Patienten mit existenziellen Einschnitten in sein Leben verbunden. "Derzeit sind in Österreich rund 4.000 Personen in einer der beiden Formen der Nierenersatztherapie (Dialyse). Neben dem hohen persönlichen Risiko für den Patienten verursacht das Kosten von über 200 Millionen Euro pro Jahr. Damit könnten umfassende präventive Maßnahmen in der Risikopopulation gesetzt werden", erklärt Univ.-Prof. Dr. Alexander Rosenkranz, Vorstandsmitglied der ÖGN und Leiter der Klinischen Abteilung für Nephrologie an der Universitätsklinik für Innere Medizin in Graz.
"Da einfache und günstige Screeningmethoden für die Bestimmung der Leistungsfähigkeit der Niere vorhanden sind, ist es sinnvoll zumindest die Risikopopulation der Hypertoniker und Diabetiker, durch Allgemeinmediziner oder Internisten, auf Nierenfunktionseinschränkung und Proteinurie zu testen, also eine Risikostratifizierung via Glomulärer Filtrationsrate (GFR) bzw. Kreatininwert und Proteinurie durchzuführen. Neben der allgemeinen Prüfung der Nierenfunktion muss auch die Progression der nachlassenden Nierenfunktion beobachtet werden", unterstreicht ao. Univ.-Prof. Dr. Sabine Schmaldienst von der Universität Wien, Sekretärin der ÖGN, die Notwendigkeit der Früherkennung.

Einheitliche Behandlungspfade und nephrologische Referenzzentren

Die österreichischen Nephrologen sind sich einig: Die Kooperation mit den niedergelassenen Kollegen muss optimiert werden. Schon eine Leistungsreduktion der Niere auf 60% (GFR <=60ml/min/1,73m2) ist ein ernster Befund, der zu weiteren Untersuchungen Anlass geben sollte. Vor allem Patienten mit einer raschen Progression müssen zu diesem Zeitpunkt an einen Nephrologen oder Internisten weiterverwiesen werden. Nachdem im niedergelassenen Bereich nur wenige Nephrologen verfügbar sind, muss das System der nephrologischen Referenzzentren, wie im Österreichischen Struktur- und Gesundheitsplan (ÖSG) definiert, jetzt umgesetzt werden. Notwendig ist ein eigenständiges Referenzzentrum für ein Einzugsgebiet von 500.000 bis 700.000 Menschen. In ganz Österreich müssen zumindest zehn Zentren eingerichtet werden. Ab einer Nierenfunktion von 20% (GFR <=20ml/min/1,73m2) muss der Patient in ein nephrologisches Referenzzentrum zur umfassenden Aufklärung über die für ihn am besten geeignete Form der Nierenersatztherapie. "Im Zuge der Gesundheitsreform müssen wir die Chance auf maßgebliche Veränderungen und Neustrukturierungen in der Gesundheitsversorgung allgemein und im speziellen auch die Niere betreffend, nutzen. Durch einfache und kostengünstige Maßnahmen lassen sich in den ersten Stadien einer verminderten Nierenfunktion langfristig hohe Kosten reduzieren", fordert Univ.-Prof. Dr. Erich Pohanka. "Nephrologische Abteilungen dürfen deshalb nicht auf Dialyseeinrichtungen reduziert werden. Sonst verlieren wir die Chance auf Prävention, auf Früherkennung und damit auf eine rechtzeitige Behandlung für die Betroffenen."

Personalisierte Medizin und Therapieoptionen - Evidenzbasierte Studie aus fünf EU-Ländern gestartet

Gemeinsam mit internationalen Experten ist die Österreichische Gesellschaft für Nephrologie auch an einigen wegweisenden Forschungen, die zu einer Optimierung der Nierenversorgung beitragen, beteiligt. Dabei wird den Fragen nachgegangen, wie eine bessere Risikostratifizierung möglich wird und wie personalisierte Therapiekonzepte entwickelt werden können.

Univ.-Prof. Dr. Gert Mayer, Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin IV der MedUni Innsbruck, und Univ. Prof. Dr. Rainer Oberbauer, Leiter der 3. Internen Abteilung im Krankenhaus der Elisabethinen Linz, arbeiten derzeit an einer von der EU unterstützten Studie, um den Zusammenhang zwischen der Art der Versorgung von Diabetes Typ 2 Patienten und der Anzahl jener Patienten die nierenkrank werden oder ein Fortschreiten einer bereits etablierten Erkrankung aufweisen, zu erforschen. Durchgeführt wird die Studie mit insgesamt 4.000 Patienten aus Österreich, Ungarn, den Niederlanden, Polen und Schottland. Die Rekrutierung läuft bis Ende 2013, danach folgt die fünfjährige Beobachtungsphase, die in Österreich im Setting der Allgemeinmediziner, also im niedergelassenen Bereich, stattfindet.

"Wir wissen, dass es auch in Österreich, sowohl was die Häufigkeit als auch den Verlauf der Nierenerkrankung betrifft, das heißt wie rasch diese fortschreitet, große regionale Unterschiede gibt. Für dieses Phänomen gibt es keine gute Erklärung. Wir haben uns nun in Europa zusammengeschlossen, um in fünf Ländern Europas eine große Anzahl von Patienten mit Typ 2 Diabetes Mellitus, also einer absoluten Risikogruppe, zu verfolgen und herauszufinden, welche Faktoren die eventuell vom Gesundheitssystem ausgehen, den Verlauf der Erkrankung beeinflussen. Es gibt Länder, wo Typ 2-Diabetiker ohne großes Risiko primär von Allgemeinmedizinern betreut werden, es gibt Länder wo das sehr zentralistisch durchgeführt wird, wo also eigene Kliniken für Patienten mit Diabetes eingerichtet wurden. Und wir möchten sehen, ob sich diese unterschiedlichen Versorgungsstrukturen letztendlich auf den Verlauf der Nierenerkrankung auswirken", erklärt Mayer.

Weiters werden die Endpunkte der Nierenfunktion bestimmt und verglichen. Über die gesamte Studiendauer hinweg, sammeln die Landeszentralen Blut- und Urinproben die in regelmäßigen Abständen genommen und analysiert werden. Zuletzt werden auch die kardio-vaskulären Erkrankungen der Studienteilnehmer analysiert. Weiters arbeiten Mayer und Oberbauer in den wissenschaftlichen Leitungsgremien des multinationalen EU-Projekts SYSIKD ("systems biology towards novel chronic kidney disease diagnosis and treatment"). Insgesamt 26 Partner arbeiten zusammen, um mittels molekularbiologischer Methoden, Systembiologie und Bioinformatiker Biomarker zu identifizieren und in Folge den Weg für eine personalisierte Medizin auch auf dem Gebiet der chronischen Nierenerkrankung zu ebenen. Die Biomarker werden eingesetzt, um Patienten zur stratifizieren und auf dieser Basis klinische Studien durchzuführen, die Rückschlüsse auf individuelle Prognosen erlauben und den Einsatz individueller Therapiemaßnahmen ermöglichen.

Die in diesem Pressetext verwendeten Personen und Berufsbezeichnungen treten der besseren Lesbarkeit halber nur in einer Form auf, sind aber natürlich gleichwertig auf beide Geschlechter bezogen.

Rückfragen & Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. Erich Pohanka
AKh Linz Sekretariat Interne 2
Krankenhausstr. 9, 4021 Linz
Tel: +43 (0)732/7806-6120
E-Mail: interne2@akh.linz.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | WDM0001