Kardinal Schönborn in NEWS: "In der Sixtinischen Kapelle wird nicht geschwätzt."

Gastkommentar kurz vor Konklave geschrieben: Beratungen der Kardinäle im Gästehaus "in kleinen Gruppen auf den Zimmern oder Gängen" - "Kein Fernsehapparat und keine Minibar"

Wien (OTS) - Nur kurz bevor Kardinal Christoph Schönborn seinen Kontakt zur Außenwelt einstellen musste, schrieb er exklusiv für NEWS noch seine Gedanken rund um das derzeit stattfindende Konklave auf. Und vermittelt dadurch eine Vorstellung, was sich in diesen Stunden im Vatikan abspielt. Große Diskussionen gibt es in der Sixtinischen Kapelle nicht: "In der Sistina wird nicht geschwätzt oder diskutiert, sondern gebetet und abgestimmt", schreibt Schönborn.

Jeder der zwei Wahlgänge pro Halbtag dauere rund 75 Minuten. "Dazwischen wird nicht gesprochen, auch Kaffeepausen sind nicht vorgesehen". Die entscheidenden Beratungen darüber, wer nun neuer Papst werden solle, ereignen sich an einem anderen Ort: "Gespräche zwischen den Kardinälen gibt es natürlich, aber die finden bei den gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten im Speisesaal des 1996 als Konklavewohnheim errichteten Haus der Heiligen Martha, Domus Sanctae Marthae, statt - oder in kleinen Gruppen auf den Zimmern oder in den Gängen."

Dieses Haus, schreibt Schönborn, sei übrigens "ein angenehmer, aber sehr einfacher Aufenthaltsort. Die Einrichtung besteht aus nicht mehr als einem Bett, einem Nachttisch, einem Schreibtisch mit Sessel und einem Kasten. Kein Fernsehapparat und keine Minibar."
Und die Abstimmung selbst? Wie erleben die Kardinäle diesen entscheidenden Augenblick? "Während die Kardinäle zur Urne schreiten, ist man mit seinen Gedanken bei Gott. Entweder betet man, oder meditiert über den gewaltigen Freskenzyklus des Michelangelo, der ja das ganze Heilsgeschehen darstellt - von der Erschaffung des Menschen bis zum Jüngsten Gericht. Haben alle abgestimmt, wird die Urne kräftig geschüttelt um die Stimmzettel zu mischen, und auf den Tisch der drei durch Los bestimmten Beisitzer ausgeleert.
Der erste Beisitzer öffnet einen Zettel, liest ihn, gibt ihn dem zweiten Beisitzer, der ihn liest und an den dritten weiterreicht. Erst dieser sagt laut den Namen. Jeder Kardinal hat vor sich eine Liste aller teilnehmenden Kardinäle, sodass er während der Verlesung eine Art "Stricherlliste" führen kann. Dies ist der Moment, an dem man am stärksten von der Bedeutung des Geschehens innerlich bewegt wird: Ist das mit einem neuen Nachfolger des Apostels Petrus verbundene neue Kapitel der Geschichte der Kirche schon aufgeschlagen?"

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