Rettungsappell für das Stadthallenbad: Offener Brief an den Bürgermeister der Bundeshauptstadt Wien Dr. Michael Häupl

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Bürgermeister!

Seit dem Jahr 2009 verfolgt die Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit das Geschehen der Sperre und Generalsanierung des Stadthallenbades. Das Bad war bei der Wiener Bevölkerung sehr beliebt, die Stadt 1974 nach der Eröffnung stolz, dass die 13. Europameisterschaft im Schwimmen, in einem international beachteten Meisterwerk des Architekten Roland Rainer, ausgetragen werden konnte.

Umso mehr ist die Wiener Gesellschaft um die Jahreswende 2011/12 erfreut gewesen, als die Medien im Dezember 2011 und Jänner 2012 von einer vorbildlichen Instandsetzung und von der bevorstehenden Wiedereröffnung im Februar 2012 berichteten. Kosten: Rund 16,5 Millionen Euro. Wenige Tage danach war alles anders. Am 24. Jänner wurden ein Baustopp, eine gerichtliche Beweissicherung und die Einschaltung des Kontrollamtes der Stadt Wien verkündet. Seitdem wird die Entwicklung mit Verwirrung, Entsetzen und Empörung verfolgt. Die Wogen sind hoch gegangen.

Bis zum heutigen Tage gibt es fast keine Woche, frei von neuen widersprüchlichen Berichten über das Stadthallenbad: die Becken sind undicht, nein sie sind dicht, der Pfusch im Bad kommt teuer, Streit um die Chefin der Wiener Stadthallen-Betriebs-Veranstaltungsgesellschaft, Kontrollamt beschuldigt Planer, Planer das Kontrollamt, Schuld sind die Firmen, die Firmen verwahren sich dagegen, Standsicherheit gefährdet, Ruine Stadthallenbad? Abbruch? Entkernung, da nur die Außenhülle unter Denkmalschutz? Die Veröffentlichung des Kontrollamtsberichtes im Oktober 2012 bringt keine Versachlichung der Frage, obwohl er massive Kritik enthält. Im Jänner 2013 folgt die Meldung, dass die Beweissicherung in Kürze an die Gerichte weitergeleitet werde. Ein Streit um den Architekten als Generalplaner führt zu seiner Kündigung durch die Stadt Wien, dieser weist die Vorwürfe auf das Schärfste zurück und spricht von absurden Unterstellungen. Da die Betriebsgesellschaft erwägt, die Firmen zivilrechtlich zu belangen um das Geld wieder zurück zu bekommen, ist weder die Fertigstellung noch die Wiedereröffnung abzusehen.

Sprachlich und inhaltlich übernahmen die in Wien viel gelesenen kleinformatigen Tageszeitungen sehr schnell die "Themenführerschaft". Zwangsläufig beherrschten bald nur wenige Stichworte, wie vermurkste Sanierung, Teilabriss, Bauskandal, Fiasko und ähnliches, die Auseinandersetzung. Dies färbte auch auf die Parteien ab, die sich in mehreren Sitzungen des Gemeinderates dieser Angelegenheit annahmen.

Ende Jänner 2013 wurde die Debatte um eine neue Facette bereichert. In Zusammenhang mit der Absicht eine Bewerbung Wiens für die Olympischen Spiele 2028 anzustreben, tauchte plötzlich im Gemeinderat eine "Machbarkeitsstudie" für ein neues Schwimmsportzentrum in Wien auf. Drei Standorte wären denkbar:
Stadionbad, Oberlaa, Seestadt Aspern. Kostenschätzung: 40 Millionen Euro. Ein Hinweis auf das geschlossene Stadthallenbad durfte nicht fehlen. Markus Rogan: "Wir haben nicht genug Sportbecken. Und wenn wir eines haben, hat es ein Loch." Vor diesem Hintergrund bekommen jene Stimmen neue Nahrung, die überhaupt am Willen einer Wiedereröffnung des Stadthallenbades zweifeln.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Häupl!

Die unterzeichneten Vereinigungen appellieren an Sie in Ihrer Aufgabe als Aufsichtsbehörde der Wiener Stadthallen-Betriebs-Veranstaltungsgesellschaft, den beispiellosen Vorgängen rund um die Sanierung des Stadthallenbades ein Ende zu bereiten. Vor dem Bau der Uno-City ist es zu einem Vergabestreit zwar anderer Art gekommen, der aber politisch durchaus zu vergleichen ist. Damals hat sich Bundeskanzler Bruno Kreisky zu einer außergewöhnlichen Maßnahme entschlossen, um den nicht enden wollenden Schlagabtausch zwischen den politischen Parteien zu beenden. Im April 1972 hat er 1804 Aktenstücke im Festsaal des Bundeskanzleramtes in einer Ausstellung zur freien Einsicht für Jedermann ausgestellt (siehe Arbeiter- Zeitung vom 25.4. und 28.4.1972, S. 1). Sein Ziel ist es gewesen, die Abläufe offen zu legen, um den Gerüchtemachern den Boden zu entziehen und den Weg für eine Rückkehr zur Sachlichkeit frei zu machen. Dies ist damals auch gelungen.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Häupl, Sie und nur Sie, könnten seinem Beispiel folgen, legen Sie die Gutachten, Sachverhalte und Entscheidungsvorgänge offen!

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