Medienwelt: Männer dominierten auch die neuen Meinungsmärkte

Podiumsdiskussion im Parlament zum Internationalen Frauentag

Wien (PK) - Der Mediensektor ist im Umbruch. Im digitalen Zeitalter gewinnen digitale Medien und Social Media zunehmend an Terrain. Der klassische Zeitungsmarkt droht ins Abseits zu geraten. Gleichzeitig drängen Blätter, die ihren Fokus auf Skandale, Personen und Entertainment legen, in den Vordergrund. Eines hat sich im Medienbereich jedoch nicht geändert: die Macht der Männer. Sowohl im Boulevard als auch in der "Blogosphäre" müssen Frauen meist mit den Stehplätzen in den hinteren Reihen vorlieb nehmen, wie es das Frauennetzwerk Medien auf den Punkt bringt. Es sind überwiegend Männer, die berichten und die entscheiden, worüber berichtet wird. Auch in der Politik bilden Frauen nach wie vor eine Minderheit.

Inwieweit das eine mit dem anderen zu tun haben könnte, wie es um die Beteiligung von Frauen an der Gestaltung der Medien- und Demokratiezukunft steht und warum gerade in diesen Bereichen um mehr Frauen-Power gekämpft werden sollte, darüber diskutierte heute eine prominente Frauenrunde im Parlament. Aus Anlass des Internationalen Frauentags am 8. März luden Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und das Frauennetzwerk Medien dazu ein, sich über das Thema "Neue Meinungsmärkte - Alte Männermacht" Gedanken zu machen. Am Podium saßen neben Prammer auch die Journalistin und Vorsitzende des Frauennetzwerk Medien Karin Strobl, die Informatikerin und Gender-Forscherin Edeltraud Hanappi-Egger, die Journalistin Anita Zielina und Maral Akin-Hecke, Gründerin des IT-Unternehmens Digitalks.

Akin-Hecke: Frauen müssen neue Medien für ihre Zwecke nutzen

Maral Akin-Hecke war es auch, die im Rahmen der Diskussion immer wieder an die Frauen appellierte, sich die neuen Medien anzueignen und sie als Chance zu begreifen. Wer im Internet sichtbar sei, gewinne Reputation, zudem könne man die sozialen Medien für Lobbying und Agenda-Setting nutzen. Beim Ausmaß der Nutzung von Facebook und Twitter gibt es ihr zufolge keine wesentlichen geschlechtsspezifischen Unterschiede, Akin-Hecke räumte aber ein, dass in erster Linie Familien-, Food-, Reise- und Fashionblogs in Frauenhand seien, während politische und wirtschaftliche Themen von Männern besetzt würden.

Prammer: Unseriöse Politiker kommen leichter in die Medien

Nationalratspräsidentin Prammer äußerte gegenüber der digitalen Medienwelt allerdings einige Vorbehalte. Sie gab zu bedenken, dass eine kontinuierliche Präsenz auf Plattformen wie Twitter oder Facebook zeitraubend sei und nur Sinn mache, wenn man authentisch bei den UserInnen ankomme. Besonders kritisch äußerte sich Prammer zu anonymen Postings. Für sie stellt sich die Frage, ob es Auftrag der Medien sei, "diesem massiven Unsinn Vorschub zu leisten". Abgesehen von "Sexismus pur" ließen viele Poster einfach nur Dreck fallen, in der Erwartung, dass irgendwer schon beschmutzt werde, kritisierte sie.

Prammer sieht die Medien aber auch in anderer Hinsicht gefordert. Dass PolitikerInnen immer weniger Vertrauen in der Bevölkerung genießen, führt sie nicht zuletzt auf die Art der medialen Berichterstattung und die Schwierigkeit zurück, die Komplexität der Politik adäquat darzustellen. Sie habe manchmal den Eindruck, je unseriöser ein Politiker sei, desto eher lande er in den Medien, konstatierte sie. Damit blieben aber oft auch die Frauen auf der Strecke, die Prammers Überzeugung nach gesamt gesehen in der Politik "die Seriöseren" sind. Durch die angespannte finanzielle Lage in der Medienbranche sieht Prammer außerdem die große Gefahr der "Prostitution" von Zeitungen gegenüber der Politik.

Strobl: Neue Kriterien für Presseförderung

Karin Strobl, als Chefredakteurin der Regionalmedien Austria (RMA) für die überregionale Österreich-Seite von 128 Bezirkszeitungen zuständig, machte auf das Ungleichgewicht zwischen dem Ausmaß der Presseförderung und dem Inseratenvolumen der öffentlichen Hand aufmerksam. Ihrer Meinung nach wäre es sinnvoll, mehr Geld für Qualitätsjournalismus bereitzustellen und die Presseförderung an frauenfördernde Maßnahmen in den Verlagen zu knüpfen.

Was die Seriosität der Berichterstattung anlangt, hob Strobl hervor, es gehöre zum Leitbild der RMA-Blätter, konkreten Nutzen in den Regionen zu stiften. Überrascht sei sie gewesen, als sich diese Woche bei einem Interview mit Wirtschafts- und Familienminister Reinhold Mitterlehner herausgestellt habe, dass ihm zuvor noch nie jemand die Frage gestellt habe, wie er als Familienminister Beruf und Familie vereinbaren könne.

Zielina: Blogs bieten Chance, sich einen Namen zu machen

Anita Zielina, Stellvertretende Chefredakteurin von derstandard.at und demnächst Online-Chefin des "Stern", verteidigte die Poster-Foren und meinte, auch ohne solche Foren würden dumme Leute dumme Dinge sagen, ohne dass jedoch die Möglichkeit bestünde moderierend einzugreifen. Die neue digitale Medienwelt sieht sie insofern als große Chance für Frauen, weil schnell Neues entstehe, das noch nicht männlich besetzt sei. Blogs würden ihr zufolge außerdem die Möglichkeit bieten, sich ohne "gatekeeper" als Journalistin einen Namen zu machen und sich eine Stimme zu geben.

Hanappi-Egger: Systemänderungen erfordern starken Druck von außen

Edeltraud Hanappi-Egger, Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, zeigte sich davon überzeugt, dass es starken Druck von außen brauche, wenn man ein System verändern wolle. Man müsse das Systemverhalten stören, betonte sie und plädierte in diesem Sinn für gesetzliche Regulative. Um von innen etwas zu verändern, fehlt ihrer Meinung nach den Frauen die Macht. Nationalratspräsidentin Prammer gab in diesem Zusammenhang allerdings zu bedenken, dass es für Frauenquoten keine Mehrheit in Österreich gebe.

Journalisten verdienen deutlich mehr als Journalistinnen

Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Elisabeth Pechmann. Sie verwies unter anderem auf eine Umfrage, bei der 50 % der männlichen Journalisten angaben, mehr als 2.500 € im Monat zu verdienen, aber nur 26 % der Journalistinnen. Zudem machte sie darauf aufmerksam, dass alle bekannten Blogs in Österreich von Männern geführt würden, auch die Gründer der in der Öffentlichkeit am meisten bekanntetn Internet-Initiativen seien allesamt männlich.

Von Seiten der Abgeordneten beteiligten sich auch die Frauensprecherinnen der ÖVP und der Grünen, Dorothea Schittenhelm und Judith Schwentner, an der Diskussion. Anwesend war auch Abgeordnete Anna Höllerer (V).

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion sorgte das Frauenquartett Jelena Popržan, Ljubinka Jokic, Lina Neuner und Maria Petrova für Stimmung im Empfangssalon des Hohen Hauses. Unter anderem am Programm: Folk-Songs vom Balkan in innovativen Arrangements, eigene Instrumentalkompositionen und Lieder von Bertolt Brecht bis Georg Kreisler.

Kostenlose Schwerpunktführungen zum Thema "Frauen im Parlament"

Das Parlament bietet anlässlich des Frauentags die ganze Woche kostenlose Schwerpunktführungen zum Thema "Frauen im Parlament" an. Noch bis Samstag haben Interessierte die Gelegenheit, Wissenswertes über die Einführung des Frauenwahlrechts 1918, die ersten österreichischen Parlamentarierinnen und andere politische Pionierinnen zu erfahren. Die Führungen finden Donnerstag und Freitag jeweils um 17 Uhr, am Samstag um 15.30 Uhr statt. Für die Teilnahme an einer Führung ist eine verbindliche Anmeldung unter besucherservice@parlament.gv.at erforderlich. (Schluss) gs

HINWEIS: Fotos von der Podiumsdiskussion finden Sie im Fotoalbum auf www.parlament.gv.at.

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