Demokratiewerkstatt: SchülerInnen begegnen Zeitzeugen des März 1938

Ari Rath: Seid wachsam gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit

Wien (PK) - Der "Anschluss", die Annexion Österreichs durch NS-Deutschland am 12. März 2013, jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal. Aus diesen Grund veranstaltet die Demokratiewerkstatt des Parlaments Workshops mit ZeitzeugInnen. In der ersten "Zeitreisewerkstätte" berichtete heute Nachmittag der 1925 in Wien geborene israelische Journalist Ari Rath Schülerinnen der Klasse 7A des Wiener Gymnasiums Haizingergasse über seine Erfahrungen als Dreizehnjähriger im Jahr 1938, als er seine Heimat verlassen musste, weil er als Jude nach der Machtergreifung der Nazis in Österreich keine Zukunft mehr hatte. "Wir waren über Nacht vogelfrei, wir hatten keine Rechte mehr, wir wurden nicht mehr wie Menschen behandelt, es war unmenschlich", sagte Ari Rath den SchülerInnen. Mit einem Kindertransport floh Ari Rath über Triest nach Palästina, lebte dort in einem Kibbuz, studierte Geschichte und Wirtschaft, machte sich als Journalist einen Namen und leitete als Chefredakteur die international angesehene Zeitung "Jerusalem Post". Der Verfechter einer friedlichen Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern besitzt heute neben der israelischen auch die österreichische Staatsbürgerschaft und wurde mit höchsten Auszeichnungen der Republik Österreich geehrt.

Prammer: Auch das heutige Österreich hat Verantwortung für 1938

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer begrüßte Ari Rath und seine jugendlichen Gesprächspartner in der Demokratiewerkstätte und erklärte, man müsse den Überlebenden und Opfern des Nationalsozialismus, die nach Österreich zurückkamen, dankbar sein. Denn es sei nicht selbstverständlich, in ein Land zurückzukehren, in dem man einem alles wegnahm, in dem man als unerwünscht bezeichnet und mit dem Tod bedroht wurde. "Wir leben heute in einem anderen Österreich, wir haben aber trotzdem Verantwortung für die schrecklichen Ereignisse des Jahres 1938", sagte Barbara Prammer.

Im Gespräch mit den Wiener SchülerInnen lobte Ari Rath deren sorgfältige Vorbereitung zu den Themen "Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit", "Einschränkung der Menschenrechte" sowie "Propaganda und Rolle der Jugendlichen im Nationalsozialismus" und erinnerte sie daran, dass ein Viertel der von den Nationalsozialisten ermordeten Juden, 1,5 Millionen Menschen, Kinder waren. Angesichts von Rassismus und Fremdenhass, wie er leider auch heute noch in Österreich zu beobachten sei, gelte es wachsam zu sein, sagte Rath und zitierte den ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky, der bei einem Besuch in Israel im Jahr 1993 ebenfalls darauf hingewiesen hat, dass die Gefahr des Antisemitismus bis heute noch nicht gebannt sei. "Wir müssen wachsam sein", sagte Ari Rath und appellierte an die SchülerInnen, gegen das Vergessen aufzutreten und von der Vergangenheit lernen.

Als der Antisemitismus in Wien explodierte

Ari Rath ging im Detail auf die politische Entwicklung in Österreich während der dreißiger Jahre ein, schilderte seine Erlebnisse während des Bürgerkriegs im Februar 1934, erzählte von der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuss im Juli 1934 durch Nationalsozialisten, wies auf die Ernennung des späteren Kriegsverbrechers Seiß-Inquart auf Druck Hitlers zum Innenminister hin und schilderte die Märztage 1938 und den "Anschluss". Er habe als Schüler des Gymnasiums in der Wasagasse damals einen "Karzer" bekommen, weil er am 11. März, einen Tag vor dem Einmarsch der deutschen Truppen versuchte, Mitschüler zum "Schwänzen" zu überreden, um Flugblätter gegen den "Anschluss" zu verteilen.

Damals lebten in Wien 180.000 Juden, die in der Folge eine Explosion des Antisemitismus erdulden mussten, berichtete Rath, der nicht vergaß, auf negative Entwicklungen im Vorfeld des Anschlusses, in der Zeit des Austrofaschismus, hinzuweisen, etwa auf die Einrichtung rein katholischer Schulklassen auf Anordnung des Unterrichtsministers Schuschnigg, was in Wien zu einer Separierung jüdischer SchülerInnen führte. Diese Politik haben die Nationalsozialisten nach dem März 1938 mit der Einrichtung eigener "Judenschulen" fortgesetzt und sie bis zum Ausschluss jüdischer SchülerInnen vom Unterricht verschärft, erfuhren die Jugendlichen. Die Jugendlichen erfuhren von den Grausamkeiten, die Juden in Wien nach dem Anschluss erdulden mussten, von den berüchtigten "Reibpartien", bei denen Juden mit ihren Zahnbürsten die Gehsteige reinigen mussten, von Menschen, die verprügelt, beschimpft und vom SA-Rollkommandos von der Straße weg zu Zwangsarbeitseinsätzen abtransportiert wurden. Ihm selbst sei es gelungen, von einem solchen Einsatz wegzulaufen, womit er wahrscheinlich sein Leben gerettet habe, erzählte Ari Rath.

Die Jugendlichen erfragten viele Erinnerungen Raths aus den Monaten der "wilden Arisierungen" nach dem "Anschluss", als auch Raths Vater dessen Papierwaren-Geschäft und das Wohnhaus der Familie unter dem beschönigenden Titel "Einverleibung jüdischen Vermögens in die deutsche Wirtschaft" weggenommen wurden. Rath machte die jungen Menschen auf die weitere Entwicklung aufmerksam und zitierte aus den Protokollen der Wannsee-Konferenz, auf der Reinhard Heydrich und Josef Eichmann Anfang 1942 die "Endlösung" der Judenfrage, die Vernichtung des jüdischen Volkes in Europa planten und in die Wege leiteten.

Einzelne Menschen haben Juden aber auch nach dem 12. März 1938 in Wien unterstützt, wusste Ari Rath zu berichten. So erzählte er von einem Mitschüler, der seine Mitgliedschaft bei der Hitlerjugend dazu nutzte, um es ihm, Rath, möglich zu machen, sein Steyr-Puch-Fahrrad im November 1938 nach Israel mitzunehmen.

Begegnungen mit Geschichte und Schlussfolgerungen für die Gegenwart

Im Zentrum der Workshops "Annexion 1938" stehen authentische Schilderungen von ZeitzeugInnen und die aktive Auseinandersetzung der SchülerInnen mit der Entstehung des nationalsozialistischen Terrorregimes. Die Workshops wurden von der Demokratiewerkstat in Kooperation mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) und dem Unterrichtsministerium konzipiert, dauern jeweils vier Stunden und richten sich an maximal 25 SchülerInnen ab der 9. Schulstufe, die das Thema Nationalsozialismus im Unterricht bereits behandelt haben. Auch dreitägige Workshops zur vertieften Auseinandersetzung mit den Geschehnissen rund um den "Anschluss" werden von der Demokratiewerkstatt angeboten. Ziel dieser Bildungsinitiative ist es, aus der Geschichte Lehren für heutiges und zukünftiges gesellschaftliches Zusammenleben abzuleiten und bei jungen Menschen Bewusstsein über demokratische Grundrechte zu schaffen. Am Ende jedes Workshops verarbeiten die TeilnehmerInnen ihre Reflexionen zur sozialen, politischen und wirtschaftlichen Situation der NS-Zeit in einem Film. (Schluss) fru/rei.

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