TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 26. Februar 2013 von Christian Jentsch "Italiens Wut-Wahl macht Europa Angst"

Innsbruck (OTS) - Utl:Jenseits einer stabilen politischen Mehrheit droht Italien noch tiefer in den Abgrund zu stürzen. Und Europa mitzureißen. Die Wut-Wähler haben den etablierten Parteien die Rechnung präsentiert.

Italien hat gewählt. Und eines scheint klar: Eine stabile politische Mehrheit, die den Konsolidierungskurs in der von der Staatspleite bedrohten drittgrößten Volkswirtschaft in der Eurozone fortsetzt, ist in weite Ferne gerückt. Ein klarer Auftrag für eine der etablierten Parteien sieht anders aus. Es droht vielmehr Blockade und ein politisches Gerangel, das nicht nur den italienischen Patienten noch tiefer in der Abgrund stürzen könnte.
Statt mittelfristiger Genesung könnte nun ein längerer Aufenthalt in der Intensivstation folgen. Mit folgenreichen Konsequenzen für ganz Europa. In der europäischen Schuldenkrise schien das Ärgste bereits überstanden zu sein. Europa glaubte, sich selbst wieder aus dem Sumpf der Schuldenspirale gezogen zu haben. Doch der Sumpf ist noch lange nicht trockengelegt. Ganz im Gegenteil. Mit absurden Steuerversprechen hat sich das politische Stehaufmännchen Berlusconi wieder zurückgekämpft und den Sanierern vor den Kopf gestoßen. Dass der scheidende Premier Mario Monti mit seinem strikten Sparkurs bei den Wählern kein Entzücken hervorrufen würde, musste klar sein. Doch die stetig wachsende Unzufriedenheit einer arg strapazierten Wählerschaft kam nicht nur dem von Sex-Skandalen gebeutelten Medienzaren Berlusconi zugute. Die eigentliche Sensation schaffte der Berufsrevolutionär Beppe Grillo mit seiner "Fünf-Sterne-Bewegung". Er stieg in ersten Umfragen gar zur stärks ten Einzelpartei auf. Sein Programm ist, keines zu haben. Grillo wetterte gegen "die da oben" und stellte die Politik als Ganzes in Frage. Auf seiner als "Tsunami-Tour" bezeichneten Wahlkampf-Rundreise brachte er sich und seine Anhänger in Rage. Er wetterte gegen korrupte Politiker, die Macht der Banken und die EU, die dem Bürger längst entglitten sei. Und zog damit vor allem die jungen Wähler auf seine Seite. Er trat an, um den Status quo zu zertrümmern. Wie er der Wirtschaftskrise in Italien beikommen möchte, verriet er freilich nicht. Er wird es schlicht auch gar nicht wissen. Grillos Wahlerfolg muss den Politikern in ganz Europa zu denken geben. Einfach zur Tagesordnung überzugehen, könnte sich in Zukunft bitter rächen. Das Gespenst der Unregierbarkeit zieht durch die Lande, nicht nur in Italien.
Italien hat gewählt und ganz Europa zittert. Die Krise ist plötzlich wieder präsenter denn je. Die Wut-Wähler setzen die Agenda.

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