TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Die Medizin muss endlich zum Röntgen", von Peter Nindler

Ausgabe vom 25. Februar 2013

Innsbruck (OTS) - Die Ärztemisere in Österreich lässt sich nicht mehr verschweigen. Die Politik ist gefordert, endlich ein umfassendes Reformpaket vorzulegen, damit die Patientenversorgung in den nächsten Jahren nicht schleichend ausgehöhlt wird.

Die Gesundheitspolitik reibt sich derzeit zwischen den Interessen des Bundes und der Länder, des Wissenschafts- und Gesundheitsministeriums, der Ärztekammer und der Sozialversicherungen sowie der Medizinischen Universitäten auf. Geflissentlich übersehen dabei die handelnden Akteure, wo es tatsächlich krankt: nämlich in den Krankenhäusern, der Ärzteausbildung und bei der Attraktivität des Berufs "Land- und Spitalsarzt".
Die Aufregung war groß, als zu Jahresbeginn bekannt wurde, dass es wegen der Gehaltsstrukturen und der Arbeitsbedingungen an den Tiroler Landeskrankenhäusern bzw. der Klinik Innsbruck immer schwieriger wird, neue Assistenzärzte zu gewinnen und erfahrene Oberärzte zu halten. Das Problem mit dem Mangel an Turnusärzten fügt sich als Mosaikstein in die ungelöste Misere. Es lässt sich nicht mehr länger unter den Tisch kehren, dass akuter medizinischer Handlungsbedarf besteht. Schließlich warnt die Ärztekammer schon seit Monaten, dass bis zum Jahr 2030 rund 2500 Allgemeinmediziner und 5200 Fachärzte in Österreich fehlen werden.
Dass Linz ebenfalls eine Medizin-Uni für sich beansprucht, ist angesichts der von der Ärztekammer skizzierten Zukunftsperspektive verständlich. Doch das Konzept scheint nicht ausgegoren zu sein und könnte zulasten der anderen Med-Unis und der stationären Patientenversorgung in Graz oder Innsbruck gehen. Was fehlt, ist ein gesamtheitliches Röntgen der Ärztemisere in Österreich und eine einheitliche Therapie für eine Verbesserung.
Die (finanziellen) Rahmenbedingungen für Jungärzte sind schlecht und die Quotenregelung bei den Studienplätzen ein notwendiges Übel, um den Ansturm deutscher Medizinstudenten abzuwehren, die dann wieder nach Deutschland zurückkehren. Dorthin sowie in die Schweiz oder in skandinavische Länder zieht es auch den heimischen Mediziner-Nachwuchs. Damit wird jedoch eine Negativspirale ausgelöst:
Es gibt zu wenige rotweißrote Medizinstudenten, die Absolventen gehen lieber ins Ausland, deshalb fehlen wiederum die notwendigen Turnusärzte und in der Folge die Fachärzte und die Allgemeinmediziner. Und in den ländlichen Regionen wollen ohnehin immer weniger praktische Ärzte ordinieren.
Weder neue Unis noch zusätzliche Landesinstitute können die Probleme lösen. Da benötigt es schon eine Wurzelbehandlung von Bund, Ländern, Wissenschafts- und Gesundheitsministerium, Ärztekammer, Unis und Sozialversicherungen.

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