TIROLER TAGESZEITUNG - Leitartikel - 18. 2 2013 -von Von Christiane Fasching - Von der Öffentlichkeit verdammt

INNSBRUCK (OTS) - Utl: Wolfgang Priklopil drängte Natascha Kampusch in die Opferrolle, aus der sie sich selbst befreite. Bewundert wurde sie dafür aber nur kurz. Lieber wird die Frau mit der gestohlenen Kindheit gehasst - weil sie versucht, sie selbst zu werden.

Im Hof Völkerball spielen, bis Mama zum Abendessen ruft. Im Auto vorne sitzen dürfen. Im Skilager mit roten Wangen Schleicher tanzen. Eis essen, bis einem schlecht wird. Vom Nachbarsjungen schwärmen. Heimlich eine Zigarette rauchen. Vor lauter Liebeskummer weinen. Nicht zugeben wollen, dass man Angst im Dunkeln hat. Vom Erwachsensein träumen - und doch froh sein, dass die Eltern den Ernst des Lebens regeln.
All das sind Erinnerungen an eine unbeschwerte Kindheit und Jugend in Öster-
reich. Erinnerungen, die Natascha Kampusch nicht sammeln durfte. Sie war zehn, als Wolfgang Priklopil sie in sein Gefängnis sperrte - und dort über ihr Leben bestimmte. Weil er es so wollte und weil sich dieses kleine Mädchen nicht wehren konnte. Wie denn auch? Ein Kind kann keinen Entführer überwältigen, kann nicht aufbegehren gegen einen Psychopathen, der am längeren Ast sitzt - weil er die Schlüssel zum Verlies hat und damit die Macht über einen Menschen, der plötzlich niemanden mehr um sich hatte. Bis auf das Böse.
Wie Natascha Kampusch die Zeit ihrer achtjährigen Gefangenschaft überlebte, kann man sich nicht vorstellen. Und man will sich nicht vorstellen, was die junge Frau dieser Tage aushalten muss. Das Böse ist nämlich stärker denn je. Als der heute 25-Jährigen im August 2006 die Flucht gelang und ihr Peiniger sich das Leben nahm, flammte Bewunderung für die junge Frau auf. Bewunderung, die allerdings rasch in Verwunderung umschlug und schlussend-
lich auch in Hass mündete. Seit sieben Jahren - also fast genauso lang, wie ihre Gefangenschaft dauerte - sieht sich Kampusch nun schon mit Vorwürfen konfrontiert. Sie hätte doch früher fliehen können, sie müsse doch nicht dauernd ihre grausige Geschichte erzählen, sie könnte doch auch untertauchen und irgendwo - nur nicht in Österreich - ein neues Leben beginnen. Man wird das Gefühl nicht los, als sei nun nicht mehr Priklopil, sondern die Öffentlichkeit der selbst ernannte Wärter über Kampuschs Leben - schließlich hat man ja auch mitgezittert, als sie entführt wurde und sich mitgefreut, als sie wieder auftauchte. Da wird man sich wohl auch beschweren dürfen, wenn sie dauernd Interviews gibt. Und da darf man doch meckern, wenn nun ein Kinofilm über ihre Gefangenschaft erscheint.
Nein: Darf man nicht! Natascha Kampusch gehört niemandem. Nur sich selbst. Die Geschichte ihres Lebens darf sie erzählen. Und sie muss es wohl auch. Um zu sich zu finden. Wen s stört, der soll weghören.

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