WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Chance auf Demokratie ist fast schon vorbei - von Herbert Geyer

Europa war zur falschen Zeit vor allem mit sich selbst beschäftigt

Wien (OTS) - Die Hoffnungen waren riesengroß - die Enttäuschung nun, zwei Jahre später, ist noch größer. Der Arabische Frühling, der vor zwei Jahren in Tunesien und Ägypten und wenig später auch in Libyen die korrupten Diktatoren wegfegte, hatte massive wirtschaftliche Hintergründe: Eine sehr junge, schnell wachsende Bevölkerung mit zum Teil sehr guter Ausbildung sah keine Chancen, ihren Platz in einer zu langsam wachsenden Wirtschaft zu finden - und steigende Lebensmittelpreise führten zur Eskalation.

Die Probleme haben sich in den beiden Jahren seither noch verschärft:
Die Wirren des politischen Umsturzes haben die Wirtschaft einbrechen lassen, sie wächst nun noch langsamer und bietet den nachstrebenden Jungen noch weniger Chancen - und wieder steigen die Lebensmittelpreise.

Dass die Lage in Algerien, das den Frühling in seinem Land im Keim erstickt hat, um keinen Deut besser ist, ist da nicht einmal ein schwacher Trost. Und Marokko, dessen Regime immer schon ein bisschen liberaler war und den Arabischen Frühling durch eine weitere Liberalisierung (wenn auch vor allem in Richtung verstärkter Einbeziehung der Islamisten) unterlaufen hat, steht nur wenig besser da.

Überall in der Region gibt es - in unterschiedlicher Ausprägung -Spannungen zwischen islamistischen und weltlich-liberalen Kräften, die einander blockieren und dringend nötige Reformen verhindern. Denn neben internem Nachholbedarf - von einer Verbesserung des Investitionsklimas bis zu einem Aufbau einer tragfähigen KMU-Struktur - leidet die Region vor allem unter mangelnder Einbindung in die internationalen Handelsströme: Wenn man von Öl und Gas absieht, exportiert ganz Nordafrika und Nahost mit 400 Millionen Einwohnern nicht mehr als das kleine Belgien mit bloß elf Millionen Einwohnern. Nordafrika hatte das Pech, dass seine Umstürze gerade in eine Zeit fielen, als der wichtigste Handelspartner, Europa, vor allem mit eigenen Problemen beschäftigt war. Anders als Osteuropa, wo die demokratischen Kräfte nach der Wende durch massive Hilfen aus dem Westen unterstützt wurden, blieben die demokratiehungrigen Araber weitgehend sich selbst überlassen.

Es ist abzusehen, dass sich das Fenster für demokratische Reformen in Nordafrika angesichts der tristen wirtschaftlichen Lage bald wieder schließen wird.

Die Schuld für dieses Versäumnis, das sich in den kommenden Jahren noch durch hohe Sicherheitsausgaben rächen wird, nimmt den Europäern keiner ab.

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