Neues Volksblatt: "Mutiger Schritt" von Manfred MAURER

Ausgabe vom 12. Februar 2013

Linz (OTS) - Mit 85 in den Ruhestand zu treten, bedarf nur in der katholischen Kirche besonderer Erklärungen. Und nur dort ist es eine Sensation, wenn es tatsächlich einmal geschieht.
Benedikt XVI. hatte aus nächster Nähe das im Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit erduldete Siechtum seines Vorgängers miterlebt -und wollte sich das nicht antun. Der gesundheitliche Verfall hätte sich natürlich - so wie Johannes Paul II. es tat - auch als Kreuz interpretieren lassen, das gerade der Mann auf dem Stuhl Petri bis zum letzten Atemzug auf sich zu nehmen bereit sein muss. Doch ob der Liebe Gott das wirklich so erwartet?
Auch der Rücktritt ist ein Opfer. Er bedeutet das Eingeständnis des Unvermögens, einer irdischen Unvollkommenheit, die gerade an der Spitze dieser Institution keine Selbstverständlichkeit ist. Es bedeutet die Bereitschaft, Platz zu machen für einen anderen und noch miterleben zu müssen, was dieser alles anders machen wird.
Dieses Kreuz zu tragen erfordert mindestens ebenso viel Mut, wie das Annehmen der körperlichen Tortur eines Pontifikates im Krankenbett. Benedikt XVI. eröffnet der katholischen Kirche damit auch die Chance zur Neupositionierung und Neuorientierung. Sein Nachfolger wird sich den drängenden Fragen, die in der Kirche einer Lösung harren, stellen müssen. Ob die Kardinäle diese Chance zu nützen wissen, wird sich demnächst im Konklave bei der Papstwahl zeigen.

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