OÖNachrichten-Leitartikel: "Richtige Entscheidung im Zeichen der Krise", von Heinz Niederleitner

Ausgabe vom 12. Februar

Linz (OTS) - Man muss Papst Benedikt XVI. gratulieren: Er hat eine schwierige, aber richtige Entscheidung getroffen. Aus Gründen der Gesundheit mit fast 86 Jahren von einem Amt zurückzutreten, das auch für einen fitten, jungen Menschen kaum zu bewältigen ist, ist verständlich und vernünftig. Joseph Ratzinger erspart nicht nur sich selbst, sondern der ganzen Welt das Bild des öffentlichen Schmerzensmannes, das sein Vorgänger Johannes Paul II. geboten hat. Dass Benedikt XVI. hier nicht dem Beispiel seines Vorgängers folgt, sondern seinen eigenen Weg geht, ist bewundernswert.
Doch Zeichen nachlassender Kräfte waren beim Papst nicht nur körperlich zu sehen. Offensichtlich war auch, dass sich der Vatikan in einer tiefgehenden Krise befindet: Das hat zu tun mit der fortwährenden weltweiten Kritik an Aussagen und Haltungen des Papstes. Das hat auch zu tun mit dem Aufbrechen der großen Missbrauchsskandale in zahlreichen Ländern. Und es hat damit zu tun, dass die römische Kurie, die "Regierung" der römisch-katholischen Kirche, ein zunehmend verheerenderes Bild abgegeben hat: die offensichtlichen Machtspiele einzelner Gruppen von Kardinälen, zum Beispiel rund um den Umgang mit der Piusbruderschaft; peinliche Pannen der Zuträger des Papstes, man denke nur an die Regensburger Rede mit den Aussagen über Mohammed oder die uninformierte Gnade des Papstes für den Holocaustleugner Richard Williamson; und der persönliche Verrat des päpstlichen Kammerdieners, hinter dem Unzufriedenheit im Vatikan vermutet werden kann. Dies alles zeigt auch, wo Joseph Ratzinger als Papst gescheitert ist: an der notwendigen Kurienreform. Das wird sein Nachfolger angehen müssen. Dafür hat er eifrig Kardinäle ernannt: In der Gruppe der Papstwähler, also Kardinäle unter 80 Jahren, haben die von Ratzinger ausgesuchten Männer die Mehrheit. Das bedeutet, dass auch mit einem neuen Papst keine kirchenpolitische und theologische Veränderung zu erwarten ist - auch, weil der Vorgänger da ist und allein schon deshalb Wirkung entfaltet. Das hat Auswirkungen auf die Hoffnungen von Reformgruppen und die Kirche in Österreich. Hierzulande stehen drei Bischofsernennungen (Feldkirch, Graz, Salzburg) an. Es ist nicht zu erwarten, dass Benedikt XVI. diese in seinen verbleibenden 16 Tagen durchdrückt. Für Österreichs Katholiken heißt es also: Hoffen auf den neuen Papst!

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