TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Die verlorene Doktorwürde", von Michael Sprenger, Ausgabe vom 10. Februar 2013

Der Druck auf die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan und die Belastung für die CDU im Wahljahr waren zu groß.

Innsbruck (OTS) - Wenn in einem Land mit dieser Kultur auch noch Wahlen stattfinden, ist bei grobem Fehlverhalten kein Abtauchen möglich.

Als bekannt wurde, dass der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) auf dreiste Art und Weise viele Passagen aus seiner Doktorarbeit abgeschrieben hatte, da schämte sich seine Regierungskollegin Annette Schavan noch fremd. Jetzt musste nach zu Guttenberg auch Schavan nach einer Plagiatsaffäre ihren Rücktritt bekannt geben. Auch wenn Angela Merkels Vertraute einst nicht so plump zu ihrer Doktorwürde kam wie später der smarte Adelige, so war ihr gestriger Schritt unausweichlich. Wer in seiner Dissertation unkorrekt zitiert, bewusst auf Quellenangaben verzichtet, der muss sich auch "selbstschämen".
Doch wenn man als Ministerin für Bildung und Forschung zuständig ist, dann ist das bloße Schämen zu wenig. Schavan wusste dies wohl spätestens, als ihr die Universität Düsseldorf vor wenigen Tagen den Doktortitel aberkannte. Als sie diese Nachricht hörte, da befand sie sich gerade auf Auslandsreise. Sie wollte nach ihrer Rückkehr noch mit der Bundeskanzlerin unter vier Augen sprechen. Doch da wusste Angela Merkel schon, dass ihre Mitstreiterin nicht zu halten sein wird.
In Deutschland herrscht nicht nur eine andere politische (Rücktritts-)Kultur als etwa hierzulande, in Deutschland wird auch im Herbst ein neuer Bundestag gewählt. Unter all diesen Prämissen war für Merkel und Schavan klar, dass ein Durchtauchen nicht mehr möglich war. Der Opposition wollte man diese Wahlkampfmunition nicht aushändigen. Und Schavan hätte nicht mehr glaubwürdig über Anstand, Bildung und Forschung sprechen können. Das alles wusste Merkel und das alles kann sie im Wahljahr nicht gebrauchen.

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