TIROLER TAGESZEITUNG, "Leitartikel vom 05.Februar, von Alexander Gruber: "Auch der Wettskandal ist ein Zeitgeist".

Innsbruck (OTS) - Utl: Das organisierte Verbrechen folgt dem millionenschweren Lockruf des Fußballs. Deswegen riefen die wachsenden Wettdimensionen neben Einzeltätern auch ganze Syndikate auf den Plan. Ein programmiertes Trauerspiel.

Die Geschichte vom sauberen Fußball ist 2013 nicht mehr zeitgemäß. Und der gesellschaftlichen Lehre vom schnellen Gewinn kann auch der tägliche Kampf ums runde Leder nicht davonrollen. Deutschlands Fußball-Schiedsrichter Robert Hoyzer erlangte im Jänner 2005 traurige Berühmtheit, als sein Name im Zusammenhang mit dem ersten großen Fußball-Wettskandal fiel. Mittlerweile ist die Manipulation von Spielen - Juventus-Trainer Antonio Conte wurde im angeblichen Wissen um Spielabsprachen z.B. zehn Monate gesperrt - aber wohl längst gängige Praxis. Landauf, landab, regional, überregional, weltweit. Wenn Wettanbieter wie Schwammerln aus dem Boden schießen und (zum Teil spielsüchtige) Kunden dem Lockruf schneller Kapitalerträge erliegen, wird zumindest an oberen Stellen Wachstum begründet. In der deutschen Bundesliga ließe sich das damit erklären, dass von 18 Bundesligisten gleich 15 Sponsoring-Deals mit Wettanbietern führen. Geld, das nicht stinkt, der Staat schneidet nach neu geschmiedetem Glücksspielstaatsvertrag fünf Prozent mit - was im abgelaufenen Kalenderjahr ca. 250 Millionen Euro in die Kassa des deutschen Finanzministeriums gespült haben soll. Der Fußballbund und die Liga streifen einen festen Teil der Tippgelder ein. So gesehen gibts Sieger am laufenden Band. Außer eben den Mann von der Straße, der sich auf der Suche nach dem großen Geschäft im Irrweg verrennt. Die Korrektur - auch im Tiroler Fußball-Unterhaus schrillten 2010 bei der Tiroler-Liga-Partie zwischen Axams und dem SVI die Alarmglocken des Frühwarnsystems - könnte in der Manipulation einer einzelnen Partie liegen. Wer die Sache größer anlegt, setzt auf ein globales Netzwerk. Auf einen undurchsichtigen Cocktail aus Funktionären, Schiedsrichtern und Spielern. Auf ausgereifte Technologie. Im Wissen, dass der Ermittler - in diesem Fall Europol - die Spurensuche vielfältig streuen muss. Ein Jäger-Hase-Spiel, das ein wenig an die Doping-Thematik im Radsport erinnert. Aber wer ist der Jäger und wer ist der Hase? Auch dort geht es letztlich um den (schnellen) Profit. Das gestrige Aufheulen über einen traurigen Tag für den Fußball fordert neben penibler Aufklärung in Wirklichkeit ein gesellschaftliches Umdenken ein. Das Zitat eines Unterhauskickers ("Es gibt fast keinen, der nicht wettet") erklärt, wie groß die Versuchung ist. Die beginnt oft im Kleinen und endet im großen Stil. Und nicht alle, die richtig satt werden wollen, spielen sauber. Der Verlierer heißt Sport.

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