OÖNachrichten-Leitartikel: "Hoffen auf eine zivile Revolution", von Christoph Kotanko

Ausgabe vom 30. Jänner 2013

Linz (OTS) - Der Ausspruch stammt von Erwin Pröll: "Mir ist ein Parteibuch wurscht." Hauptsache, es ist schwarz, ergänzt der Volksmund.
Die Debatte über die Parteibuchwirtschaft ist uralt. Neu ist, dass sie mit exakten Daten unterfüttert wird. Der Staatswissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik untersuchte die Parteibindung von 1242 Personen, die Führungsfunktionen in staatlichen oder staatsnahen Betrieben bekamen.
719 sind einer Partei zuzuordnen, die meisten schwarz oder rot. Ändert sich die Zusammensetzung der Regierung, ändert sich die Postenvergabe - unter Schwarz-Blau hatten die Freiheitlichen Konjunktur.
Der Zusammenhang ist klar; jeder gelernte Österreicher kennt ihn. Die meisten Besetzungen in Bund, Ländern, Gemeinden, aber auch im Machtbereich der Sozialpartner sind überraschungsfrei. Wer das leugnet, hält die Bürger für blöde.
Nun regieren auch in anderen Ländern Vertreter von Parteien. Aber die setzen weniger auf das System von Gefolgschaft und Belohnung.
Beim Casting in Skandinavien und Großbritannien steht laut der Untersuchung die fachliche Qualifikation im Vordergrund.
Ähnliche Verhältnisse wie in Österreich herrschen in Italien, Griechenland, Spanien. Es ist kein Ruhm, in dieser Liga zu spielen. "Ein Parteibuch darf kein Nachteil sein!", entgegnen die Apparatschiks, wenn man sie wegen der Günstlingswirtschaft nervt. Richtig. Kein Parteibuch zu haben, ist kein Vorzug. Es gibt hervorragende Leute mit, es gibt tolle Führungspersönlichkeiten ohne Parteibuch. Aber ohne Stallgeruch wird kaum einer zum Star. Daran hat kein Objektivierungsgesetz, kein "Assessment-Center" oder ein anderes Auswahlverfahren etwas geändert. Erstaunlich, dass sich renommierte Personalberater ("Headhunter") dafür hergeben.
Bemerkenswert auch, dass die Parteibuchwirtschaft munter weiterlebt, obwohl die Bindung an die Gesinnungsgemeinschaften seit Jahren dramatisch zurückgeht. Mögen die Wähler flüchten: Das System trägt sich selbst.
Die Traditionsparteien fremdeln mit dem Leistungsgedanken. Was bleibt, ist die Hoffnung auf eine zivile Revolution. Wenn die Bürger aufbegehren und sich den alten Spielregeln verweigern, kann das ein Umdenken bewirken. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass dieses Land unter seinen Möglichkeiten bleibt, weil es "immer so war".

Rückfragen & Kontakt:

Oberösterreichische Nachrichten
Chef vom Dienst
Tel.: +43-732-7805-401, 434 od. 422

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PON0001