Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Neue Frauen, neue Kriege"

Ausgabe vom 25. Jänner 2013

Wien (OTS) - Keine Ahnung wieso, aber irgendwie fällt es schwer, den Entschluss der USA, Soldatinnen künftig auch im Bodeneinsatz ganz nach vorne an die Front zu entsenden, als Errungenschaft der Emanzipation anzuerkennen. Die Ursache dafür muss mit der abendländischen Sozialisierung zusammenhängen; hier war das Kriegshandwerk vorrangig Männersache. Die Verbannung der Frauen aus den Schlachtreihen verordnete dann - mit wenigen ikonenhaften Ausnahmen - das Christentum.

Das ist natürlich eine hoffnungslos altmodische und eurozentristische Sicht, schließlich existieren unzählige Mythen und Überlieferungen, in denen Frauen in die Rolle von Kriegerinnen, Amazonen eben, schlüpfen. Angeblich trägt deshalb auch der Amazonas seinen Namen.

Der Westen blieb der militärischen Aufgabentrennung der Geschlechter erstaunlich lange treu, wenn man bedenkt, dass kommunistische Regime und durchgeknallte Diktatoren Frauen längst in Reih' und Glied antreten ließen, wenngleich wohl meist aus Propagandagründen.

Mittlerweile hat sich die Welt weitergedreht. Das gilt nicht nur für die Rolle der Frau; Krieg ist, zumindest wenn man auf Seite des Westens kämpft, zu einer High-Tech-Angelegenheit geworden, bei der aus sicheren Kommandozentralen Drohnen in tausenden Kilometern Entfernung, ins Ziel gesteuert werden.

In einer solchen asymmetrischen Form des Kriegs hat sich die Idee fixer Fronten erübrigt, an denen scharf geschossen wird, hinter denen es jedoch verhältnismäßig sicher ist. Mit Hinterhalten, Attentaten und Anschlägen muss überall gerechnet werden. Von daher hat sich das Verbot von Frauen an der Front schlicht militärtaktisch überholt, zumal der physische Faktor ohnehin verloren hat.

Das ist die hässliche Seite.

Doch Krieg ist auch Überzeugungsarbeit. Es gilt, der Zivilbevölkerung die eigenen hehren Ziele zu vermitteln. Weiblichen Soldaten kann dabei eine Schlüsselrolle zukommen, vor allem in solchen Regionen, wo Frauen nur mit Frauen in Kontakt treten dürfen.

Es ist also weniger einer romantischen Vorstellung von der Gleichberechtigung der Geschlechter geschuldet, wenn in der US-Army demnächst die letzten Tabus für Frauen fallen. Die USA folgen damit schlicht dem ökonomischen und strategischen Kalkül der neuen Zeit.

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