TIROLER TAGESZEITUNG; Leitartikel vom 22. Jänner 2013: Am Ende bleibt ein heißbegehrtes Erbe - von Peter Nindler

Innsbruck (OTS) - Untertitel:Fritz Dinkhauser hat die politische Landschaft in Tirol verändert. Er musste zuletzt jedoch erkennen, dass sein Bürger forum eine Bewegung geblieben ist, die keine tiefen Wurzeln im Land geschlagen hat. Aber sein Erbe ist heißbegehrt.

Fritz Dinkhauser hat nicht nur die Tiroler Volkspartei gespalten. Der ehemalige Präsident der Arbeiterkammer und Chef des Bürgerforums polarisiert seit Jahren die politische Debatte im Land, weil er überzeichnet und häufig den Konflikt über den Konsens stellt. Doch Fritz Dinkhausers politisches Engagement war nur deshalb möglich, weil die ÖVP die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollte. Dinkhauser mobilisierte 2008 die Wutbürger im Land, die sich gegen das einzementierte politische System von ÖVP und SPÖ gewehrt haben. Alle Parteien mussten Federn lassen - auch die Grünen. Denn Dinkhauser fasste heiße Eisen wie das Thema Agrargemeinschaften an. Dabei geht es nicht nur um den Streit zwischen Gemeinden und Agrarfunktionären, sondern um Verteilungsgerechtigkeit im Land. Auch heute noch.
Das Bürgerforum hat trotz konflikt reicher Auseinandersetzungen die Oppositionsarbeit aufgewertet, weil es plötzlich eine starke Kontrolle im Landtag gab. Und akribisch übten Dinkhauser und Co. die Kontrolltätigkeit aus - vom Fohlenhof in Ebbs bis zur Lebenshilfe. Doch der kometenhafte Aufstieg dürfte jetzt rasch wieder verglühen. Weil Dinkhauser keine Verwurzelung im Land geschafft hat. Er ist die Speerspitze einer Bewegung geblieben, die über Kampagnen Politik macht. Mit seinem Rückzug fehlen seiner Bürgerbewegung plötzlich das Gesicht und der Motor. Die Liste Fritz ist eben Fritz.
Doch der politische Erosionsprozess hat schon vor Monaten eingesetzt. Dass plötzlich ein inhaltsleeres Team Stronach Dinkhauser in Umfragen Paroli bietet, die Piraten im Frühjahr die Wut- und Mutbürger geködert haben und seit einer Woche eine weitere bürgerliche Bewegung, "vorwärts Tirol", ihre Fangnetze auswirft, muss den 72-Jährigen schwer getroffen haben. Der Wert von viereinhalb Jahren Oppositionsarbeit hat sich innerhalb weniger Monate deutlich relativiert. Von einer schwächelnden ÖVP konnte Dinkhauser nicht mehr profitieren - im Gegenteil.
Was bleibt nun vom Bürgerforum, sollte es sich wie sein Chef aus der Politik zurückziehen? - Ein mobiles und heißbegehrtes Wählersegment mit Protestpotenzial, das sich nach politischen Alternativen umsieht. Mit seinem angekündigten Rückzug hat Dinkhauser gestern unwillkürlich den Landtagswahlkampf eröffnet. Denn das Buhlen um seine Sympathisanten hat bereits begonnen. So ist sie, die Politik. Fritz Dinkhauser ist kaum Geschichte, schon zieht die Karawane unbeirrt weiter.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001